Lohnt es sich, die unbeherrschbar organisierte Komplexität der ökonomisierten Weltmodelle mit der Lupe und dem Wissenschafterjargon eines der deutschen Soziologietradition verpflichteten Autors – Willke ist Professor für Soziologie an der Univ. Bielefeld    zu analysieren? Wer die Mühe auf sich nimmt, wird reich belohnt, denn des Autors Exkurs in die griechische Mythologie führt zu manchem bisher nicht entdeckten Beobachtungspunkt und sichert so manchen Erkenntnisgewinn.

Willke sieht die Weltgesellschaft wie auch den Einzelnen gewissermaßen in der Rolle eines „neuen Odysseus“, der zwischen drei Katastrophen durchsteuern muss, und zwar der Nationalgesellschaft, der neoliberalen Marktordnung und lateralen Beziehungssystemen. Ohne auf das Gesamtmartyrium des Homerischen Helden Bezug zu nehmen, greifen wir mit dem Autor eine Episode des – letztlich doch belohnten ?    Leidenswegs heraus:

„Im Umweg über die Höhle des Zyklopen nimmt Odysseus den Unterschied zwischen der Suche nach einem Weg zu den anderen und der Suche nach einem Weg zu sich selbst wahr.“ (S.227) Der Zyklop – in der Bildsprache des Autors Repräsentant des wirtschaftlichen Neoliberalismus – tritt uns als schon Geblendeter entgegen, unwillig und -fähig, „sich auf eine virtuelle Einheit der Weltgesellschaft einzustellen“. Diese Weltsysteme fragen nicht, wer sie sind und wohin sie gehen sollen, „weil es ihnen genügt, irgendwohin zu gehen, in atopischer Freiheit und in der Sicherheit, dass sie überall ankommen (S. 227). „Atopia“ bezeichnet (also) eine Gesellschaftsform, die ihre territorialen Begrenzungen radikal auflöst. Und in der Tat steht zu befürchten, dass „die Logik entgrenzter Märkte und digitalisierter Transaktionen Flutwellen entfesselt, denen der Nationalstaat nicht standzuhalten vermag. Die Atopie als generalisiertes ‚Irgendwo’ (oder auch ‚Überall’) ersetzt mithin die bislang geschichtsmächtige Utopie als Entwurf des (noch) ‚Nirgendwo'."

Globale Infrastrukturen und die Bildung lateraler Weltsysteme erzwingen transnationale Steuerungssysteme, die der Autor am Beispiel des Weltfinanzsystems (u. a. der WTO) treffend beleuchtet. „Diese neue Entfremdung weist ein zentrales Risiko auf: die zyklopischen Visionen der sich gegenwärtig globalisierenden Steuerungssysteme, die nicht zu erkennen vermögen, „dass sie mit der Unterdrückung ihrer Reflexionsfähigkeit den Zusammenhang des Ganzen aufs Spiel setzen.“ M. Rei.

Willke, Helmut: Atopia. Studien zur atopischen Gesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2001. 263 S. (stw; 1516). DM 24,90 / sFr 23,40 / öS 182,-