Die Aktualität der Marx'schen Theorie ‑ nicht erst seit dem jähen Zusammenbruch des “Realsozialismus” wiederholt in Abrede gestellt ‑ kam spätestens im Lichte diverser Globalisierungsthesen wieder zum Vorschein: Kaum eine Schrift, sei sie von Weltbank, IWF oder eine kritische Analyse kapitalistischer Verhältnisse, verzichtet auf die 100 Jahre alten, prophetischen Worte von Marx und Engels aus dem Kommunistischen Manifest. Doch der Zugang zu des großen deutschen Denkers Hauptwerk “Das Kapital” ist nach wie vor nach erschwert. Bereits die klassische Ausgabe des ersten Bandes als Band 23 der “blauen Bände” (wie die im Dietz Verlag erschienen Marx-Engels-Werke, kurz MEW, genannt werden) mit gut 800 Seiten erfordert ein gründliches, zeitaufwendiges Studium, will man das Werk in all seinem Reichtum erfassen. Die Komplexität und der Reichtum an Ideen, die hier präsentiert werden, haben noch während Marxens Lebzeiten zu “populären Darstellungen” gezwungen, um die darin enthaltenen Erkenntnisse auch der Arbeiterklasse erschließen zu können. In der mittlerweile von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung in Amsterdam herausgegebenen Marx Engels Gesamtausgabe (MEGA) füllt allein der erste Band des Kapital 8.264 Seiten (Hecker, S. 239), auf denen jede editorische Veränderung festgehalten ist. Die Literatur über “Das Kapital” war wiederum bis vor kurzem von Rechtfertigungs- und Widerlegungszwängen durchzogen (so Hans G. Nutzinger kürzlich). Wie läßt sich da heute noch ein Zugang zu Marx finden, will man ihn nicht verflachen oder gar verfälschen?

Altvater et al. hoffen, eine zeitgemäße Antwort auf heutige Studienbedingungen mit Kapital.doc gefunden zu haben. Mit Hilfe einer der Zeit angemessenen Didaktik wollen den Zugang zur Marxschen Theorie erleichtern. Das Werk besteht neben Elmar Altvaters Einführung in den ersten Band des Kapital aus einer kommentierten Literaturliste zur Kritik der politischen Ökonomie von Michael Heinrich sowie aus der Entstehungs-, Überlieferungs- und Editionsgeschichte der ökonomischen Manuskripte und des “Kapital” von Rolf Hecker. Erweitert wird der Buchtext durch die Hypertextfassung auf CD-ROM, die die Möglichkeit der vertieften Auseinandersetzung mit Marx “Kapital” bietet.

In Kapital.doc versucht sich Altvater “eng ans Original” zu halten. Es sollte v. a. eine neue Form der Aufbereitung sein. Seine Darstellung erschöpft sich nicht in einer Kurzfassung und in zahlreichen Schaubildern, sondern trägt die Handschrift des Autors, dem es seit Mitte der sechziger Jahre immer wieder gelungen ist, die Aktualität des Marx‘schen Denkens im Rahmen seines eigenen Forschungsansatzes darzulegen.

Altvater weist beharrlich auf die ihm eigene “ökologische” Lesart des Kapital hin, und er legt seinen Finger auf jene Stellen, wo heute die ökologische Fragestellung anzusetzen oder auszubauen wäre.

Bei Marx selbst finden sich diese Fragen bereits in der Scheidung der “ungeheuren Warensammlung” in ihre stoffliche Seite, der der Gebrauchswert zugrunde liegt, und in eine Formseite, die sich in einem Tauschwert ausdrückt. Altvater zeigt auch, daß es möglich ist, “an der Marxchen Betrachtung des Arbeitsprozesses Kategorien der thermodynamisch orientierten Ökonomie ‚anzukoppeln‘” (S. 65).

Obwohl Altvater nur selten auf die umfangreiche Literatur zum Kapital eingeht, fehlen wichtige Klarstellungen (insb. auf der CD-ROM) hinsichtlich typischer Fehlinterpretationen (z.B. Geschichtsauffassung, Verelendungsthese) und weitere Hinweise zur Aktualität und Bedeutung der Marx‘schen Theorie für heutige Diskurse (Weltmarkt, Globalisierung) keineswegs.

Michael Heinrichs kommentierter Literaturliste belegt den Einfluß des “Kapitals” bis in die heutige Zeit. Zusätzlich hinzuweisen wäre noch auf Ernest Mandels “Kontroversen um »Das Kapital«” (1991) und auf zahlreiche, insbesondere osteuropäische Beiträge zur Debatte über Marktsozialismus sowie auf die Plan-Markt-Debatte der achtziger Jahre.

Abgerundet wird Kapital.doc durch einen Beitrag von Rolf Hecker, der die Editionsgeschichte des Kapital in den Kontext der Interpretationsgeschichte im Rahmen politischer Kämpfe stellt.


D. P.

Kapital.doc. Das Kapital (Bd. I) von Marx in Schaubildern und Kommentaren. Altvater, Elmar ... (Mitarb.). Münster: Westfälisches Dampfboot, 1999. 242 S