Wenn Raimon Panikkar, der sich als katholischer Theologe und Religionsphilosoph wie kaum ein anderer um den Dialog und das vertiefte Verständnis der Weltkulturen Verdienste erworben hat, von Ganzheitlichkeit spricht, dann meint er mehr als eine ökologisch umfassende Sicht der uns umgebenden Natur. Wenn er das" Ende der Geschichte" postuliert, so spricht er nicht vom Triumph des Kapitalismus, sondern von der zumindest möglichen (und teils schon erkennbaren) Überwindung der “panökonomischen Ideologie", die uns s. E. "mitten in den Dritten Weltkrieg geführt" hat: Während zwei Drittel der Weltbevölkerung unter Bedingungen leben, die dem Begriff des humanum Hohn sprechen, sind wir Privilegierten drauf und dran, zu Opfern einer globalen Beschleunigungstechnologie zu werden, die Wachstum fast ausschließlich mit "Mehr" gleichsetzt und dabei das "Besser" außer acht läßt.

So steigt unsere Hypothek auf die Zukunft ins Unermeßliche, während das bessere, bescheidenere Leben in der Gegenwart auf der Strecke bleibt. Der Weg dahin führt für Raimon Panikkar über die kosmotheandrische Intuition, die nicht gelehrt, sondern als mystische Erfahrung aufgenommen werden kann. Die Einfalt des Vielen, den Zusammenhang von Kosmos, Göttlichem und Menschlichem in allen Aspekten der Wirklichkeit zu erkennen, bedeutet nach Panikkar, vom nichthistorischen Bewußtsein (der Naturvölker) über das historische Denken (der Moderne) und der ihr verbundenen Krise der Geschichte hinausgehend, ein transhistorisches Bewußtsein zu entwickeln. In ihm haben Vergangenheit und Gegenwart mehr Gewicht als die Zukunft und "im Dreiklang der Wirklichkeit" kann das Dasein voll gelebt werden.

Mit diesem bedeutenden Essay, der nicht weniger als "die letzten zehntausend Jahre der menschlichen Erinnerung" zum Gegenstand hat, verbindet Panikkar die Überzeugung, daß der "abendländische Mensch tief in diese Erfahrung qualvoller Isolierung und Einsamkeit eintauchen (mußte), um auf einer höheren Stufe des Bewußtseins zu entdecken, daß alle drei Dimensionen sich gegenseitig durchdringen. Sowohl das Kosmische als auch Göttliche sind unverzichtbare Dimensionen der Wirklichkeit, die nicht vom Menschen bestimmt werden können, obwohl sie sich im Menschen begegnen, genauso wie der Mensch sich in ihnen wiederfindet." Daß seine inspirierende und intellektuell anregende Sicht nicht von allen geteilt werden wird, ist dem Autor bewußt: "Es gibt keine Möglichkeit, sich mit dem Nichtwissen(wollen) auf eine Diskussion einzulassen, wie es auch nicht möglich ist, die Naivität zu besiegen, solange beide einfach sind, was sie sind."

W Sp.

Panikkar, Raimon: Der Dreiklang der Wirklichkeit. Die kosmotheandrische Offenbarung. Salzburg (u.a.): Pustet, 7995. 790 S. ca. DM/sFr 38, - /  öS 298