image017In Anlehnung an Rachel Carsons Ökoklassiker „Der stumme Frühling“ (1962 erschienen), beginnt das journalistisch-engagiert gestimmte Buch der in Berlin unter anderem für die taz tätige Autorin. „Chemieproduzenten“, so eine erste, massive Ansage von Ute Scheub, „haben den Vorteil, dass Kranke fast nie beweisen können, von ihnen vergiftet worden zu sein. Laut Krebsregister von 2013 starben im Bundesgebiet im Jahr 2008 rund 25.000 Menschen an [Krebs, W. Sp.] (…) Gebiete mit intensiver agrarindustrieller Bewirtschaftung wie Niedersachsen und Schleswig-Holstein weisen noch höhere Raten auf.“ (S. 7f.). Ja, es wurde 2001 ein „dreckiges Dutzend von Supergiften“ durch die Stockholmer Konvention weltweit verboten, aber mindestens „24 verschiedene Su-perunkräuter, die gegen Monsantos Pestizid ‚Roundup Ready‘ immun sind, breiten sich weltweit in 18 Ländern aus; gegen das Herbizid Atrazin sind 64 Unkräuter resistent“ (S. 10).

Verständlich also, dass die Autorin im weiteren Verlauf den Begriff „Pflanzenschutzmittel“ nicht verwendet (vgl. S. 11). Ein kurzer, präziser Blick auf die Zusammensetzung fruchtbarer, lebendiger Böden – dem „Magen der Erde“ – und ein Erfahrungsbericht einer Aktivistin über die Zerstörung der ehemals vielfältigen Uckermark machen deutlich, wie umfassend und in weiten Teilen wohl auch unumkehrbar die aktuelle Entwicklung ist. Ein weiteres Kapitel gibt Einblick in die Entwicklung der Agrarindustrie und beleuchtet exemplarisch auch das vergebliche Bemühen von Clara Immerwahr, ihren Gatten Hans Haber von der Herstellung von Ammoniak auf industrieller Basis abzubringen, das in der Produktion von Kunstdünger und tödlichen Nervengasen eine zentrale Rolle spielen sollte. Thematisiert wird aber auch die verheerende Wirkung des Unkrautbekämpfungsmittels „Agent Orange“, dessen Einsatz im Vietnamkrieg (1965 bis 1971) bei etwa 100.000 Kindern zu Fehlbildungen führte, aber auch 200.000 US-Soldaten nicht verschonte (vgl. S 28).

 

Allgegenwärtiges Gift

Einmal abgesehen von den dramatischen Folgen des Einsatzes chemischer Substanzen in militärischen Zusammenhängen zeigt sich, dass Ackergifte tatsächlich allgegenwärtig sind, auch auf Zierpflanzen aus Gartencentern. „Im Jahre 2014 ließ Greenpeace 86 Proben in zehn europäischen Ländern ziehen. Ergebnis: 98 Prozent der Blumen weisen Pestizidrückstände auf, 79 Prozent der gefundenen Pflanzengifte waren bienengefährlich.“ (S. 32) Doch damit nicht genug: „Das Pestizid Aktions-Netzwerk PAN International geht von jährlich 100 tausenden Toten und vielen Millionen schweren Vergiftungsfällen aus – schätzungsweise 41 Millionen, davon bis zu 99 Prozent  in den armen Ländern. Das entspricht etwa einem Drittel aller Farmarbeiter weltweit.“ (S. 37). Die „chemische Aufrüstung“, so Scheub, bleibe dennoch ein hervorragendes Geschäftsmodell, um Millionen auf Dauer zu Abhängigen zu machen; ein Modell, der die Masse der Konsumenten mit ihrem Wunsch nach Billigprodukten gerne folgt. Dies umso mehr, als die Chemieindustrie keine Mittel scheut, um ihre Produkte als integer, sicher und verantwortungsvoll produziert anzupreisen und zudem ihren Produkten verführerisch, sanft und unschuldig klingende Namen gibt. Rasendünger, mit Pestiziden angereichert, sind etwa unter dem Namen „Euflor“, „Gabi“ oder „Gartenperle“ zu haben. Wenn darüber hinaus von „Koexistenz“ und „Wahlfreiheit“, von „guter fachlicher Praxis“, „sicherer Anwendung“, „gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen“ oder von „Sicherheit für Verbraucher und Natur“ oder „neutralen,  unabhängigen Behörden“ geschrieben und gesprochen werde, so handele sich dabei schlichtweg um Lügen, formuliert Scheub hier wohl etwas [zu] pointiert, aber im einzelnen gewiss belegbar und zutreffend. Richtig ist wohl auch, dass nicht selten angegebene „Grenzwerte grenzwertig“ sind, und freilich trifft auch das Argument zu, dass der Einsatz von Pestiziden keineswegs dazu beiträgt, den Welthunger zu beseitigen. Vielmehr trägt die Politik der Agrarmonopole zu fortschreitender Abhängigkeit bei, befördert die Vergiftung von Flora und Fauna und führt – nicht selten begleitet von militärischen Aktionen – zur Zerstörung traditionellen, regionalen Saatguts.

 

Alternativen sind möglich

Das Beispiel der Südtiroler Gemeinde Mals zeigt exemplarisch, dass Alternativen nicht nur angedacht, sondern auch erfolgreich umgesetzt werden können: Bei einer Volksabstimmung [einschließlich Briefwahlmöglichkeit], die im Jahr 2012 stattfand, „stimmten bei einer Wahlbeteiligung von beinahe 70 Prozent mehr als drei Viertel der Wählerinnen und Wähler gegen den Einsatz von Ackergiften im Gemeindegebiet und für eine pestizidfreie Zukunft. Im Juli 2013 verfassten 20 Ärzte-und Zahnärztinnen, acht Tierärzte, sieben Apothekerinnen und 15 Biologen aus dem Einzugsgebiet Obervintschgau ein ‘Manifest zum Schutz der Gesundheit und für den nachhaltigen Umgang mit Boden, Wasser und Luft‘. Dieses Manifest hat unglaublich zur Sensibilisierung der örtlichen Bevölkerung und zur Aufrüttelung und die ganzen Südtiroler Gesellschaft beigetragen“, berichtet der Apotheker Johannes Fragner-Unterpertinger (S. 81f.).

Im abschließenden „Lösungen“ überschriebenen Kapitel, das freilich noch weit ausführlicher hätte ausfallen können, schlägt die Autorin zuletzt positive, ermutigende Töne an: geschildert werden das giftfreie Werken und Wirken auf einem brandenburgischen Demeterhof mit dem ebenfalls klingenden Namen „Apfeltraum“, die Verdienste des Schweizer Insektenforschers Hans-Rudolf Herren oder die Arbeit des Biologen Claudio Niggli, der im Schweizer Wallis den Forschungsweinberg „Mythopia“ aufgebaut hat, der rund 50  Schmetterlingsarten und über 150 verschiedene Wildpflanzen beheimatet. Skizziert wird darüber hinaus die Bedeutung von Permakultur und symbiotischer Landwirtschaft, die Kampagne des BUND für pestizidfreie Kommunen – beispielsweise haben sich Münster, Saarbrücken, Cuxhaven, Tübingen und Trier verpflichtet, auf öffentlichen Flächen und Parks immer weniger oder gar keine Gifte mehr einzusetzen. Angesprochen werden auch die Rahmen- bedingungen für eine weltweit ökologische Ernährung sowie der Begriff „Ernährungssouveränität“, der von dem Kleinbauernnetzwerk „Via Campesina“ anlässlich des alternativen Welternährungsgipfels von 1996 geprägt wurde.

Im Anhang vorgestellt wird schließlich die Kampagne „Agrargifte? Nein danke!, die von der Bürgerinitiative Landwende in Klein Jasedow initiiert wurde, um insbesondere Informationen und Unterstützung im Fall von „Abdriften“, also der unkontrollierten Ausbringung von Pestiziden zu geben. (Weitere Informationen dazu gibt es auf www.ackergifte-nein-danke.de sowie über info@landwende.de). Walter Spielmann

 Scheub, Ute: Ackergifte? Nein danke! Für eine enkeltaugliche Landwirtschaft. Klein Jasedow: Drachenverl., 2014. 124 S., € 10,30 [D], 10,60 [A] ; ISBN 978-3-927369-87-0