Bio – alles Schwindel, oder was?

Ausgabe: 2015 | 3

image013Über Machenschaften rund ums Essen lassen sich nicht nur Krimis, sondern auch Sachbücher schreiben. Viele Regalmeter füllten wohl Bücher, deren AutorInnen sich auf investigative Weise daran machen, die Qualität von Nahrungsmitteln zu untersuchen. Zu ihnen zählt auch der US-amerikanische Journalist Peter Laufer, dessen Erkundungen ihren Anfang nehmen, als eines Tages eine Tüte mit „Bio“-Walnüssen aus Kasachstan, und wenig später eine Dose mit verdorbenen bolivianischen Bio-Bohnen auf den Küchentischen landen.

Skepsis, Neugier und Durchhaltevermögen treiben Laufer an, motivieren ihn zu ergründen, was sich mit dem Attribut „Bio“ alles darstellen, verdecken und vertuschen lässt. Dabei stößt er bei dem lokalen Nahversorger und der Konzernleitung von „Trader’s Joe“ – ganz ist diese im Besitz des Aldi-Imperiums, TTIP-Interessen liegen auf der Hand – auf taube Ohren bzw. unüberwindbare Hürden. Laufers Recherchen sind aber dennoch informativ, denn man erfährt u. a., dass nach Kriterien des US-Landwirtschaftsministeriums und auch der EU die Bezeichnung „Bio“ verwendet werden darf, wenn „mindestens 95 Prozent aller Zutaten die Anforderungen der Regierung für Bioprodukte erfüllen. (…) Bio bedeutet auf beiden Seiten des Atlantiks, dass die Zutaten frei von chemischen Unkrautvernichtern und Pestiziden und frei von gentechnisch veränderten Organismen und nicht bestrahlt oder voller chemischer Konservierungsmittel sind. Bis auf die verbleibenden 5 Prozent. Und welche Geheimnisse bergen diese 5 Prozent?“, fragt Laufer (S. 26f.), ohne freilich diese Frage im Weiteren zu beantworten.

Ausführlich hingegen schildert der Autor, den seine Recherche durch die USA, aber u. a. auch nach Österreich, Ungarn, Italien und Spanien, nach Afrika und Südamerika führen, systemisch zumindest fragwürdige Praktiken: Fast überall – dieser Aspekt zieht sich gleichsam wie ein roter Faden durch das Buch – werden die Behörden, die Zertifizierungen vornehmen, von den Produzenten bezahlt, woraus sich naturgemäß Abhängigkeiten und Interessenkonflikte ergeben [können]. „Wenn das, was wir Biobauern tun, gut sein soll und was die anderen tun schlecht, warum müssen die nicht zertifiziert werden?“ (S. 92), fragt etwa Ernie Carman, Kaffee-Produzent und Exporteur in Costa Rica.

Gemeinsame Interessen und unterschiedliche Kulturen

Eine Antwort darauf ist wohl die Tatsache, dass sich mit der Marke „Bio“ viel Geld verdienen lässt und dass viele davon profitieren. Wurden mit Bioprodukten in den USA Anfang der 1990er-Jahre noch 1 Milliarde $ umgesetzt, so stieg der Gewinn in den darauf folgenden 20 Jahren auf 27 Milliarden $. Für die Qualitätskontrolle durch die staatlich zuständige Behörde USDA stehen aktuell nicht mehr als 27 Personen (!) zur Verfügung (S. 72f.). Und diese gibt trotz aller Hartnäckigkeit des Autors keine substantiellen Auskünfte über angefragte Zusammenhänge. Kein Wunder, dass Laufer mit Blick auf die NSA und Obamas Administration bitter, zynisch und pointiert formuliert: „Wenn es um das geht, was in unseren Mägen landet, ist Transparenz ein Muss, vor allem wenn Washington sich wiederholt als Nest von Geheimniskrämern erweist.“ (S. 103)

Wie leutselig, offen und gesprächig nehmen sich dagegen Behörden und Interessenvertreter von NGOs und einschlägigen Unternehmen in Österreich, Ungarn und Italien aus! Laufer ist nicht nur begeistert vom Charme der Wiener Cafés, sondern würdigt die Entwicklung der Biogesetzgebung in Österreich, zeigt sich (mit Einschränkungen) angetan von Werner Lampert und dessen Konzept „Zurück zum Ursprung“, das Hofer-Kunden ermöglicht, die Herkunft der erworbenen Bioprodukte zu recherchieren. Mit Blick auf Italien konstatiert Laufer hingegen ein deutlich geringeres Interesse der Bevölkerung am Thema „Bio“, zeigt sich aber beeindruckt von der Vielfalt der auch in diesem Kontext sich manifestieren kriminellen Energie sowie der Entschlossenheit der Justiz, dagegen vorzugehen. Dass es dem Autor am Ende seiner etappenreichen Reise, über die er ganz in amerikanischer Tradition locker, zuweilen aber auch etwas langatmig und sprunghaft berichtet, noch gelingt, in Charagua (im Norden Boliviens gelegen) den mutmaßlichen Produzenten von mit Sicherheit biologisch produzierten schwarzen Bohnen ausfindig zu machen, kann zumindest als Teilerfolg auf der Suche nach echten (biologischen) Werten verbucht werden.

Ein Buch, das mit Einschränkungen vor allem jenen zu empfehlen ist, die an einem internationalen Vergleich im Umgang mit Bioprodukten interessiert sind. Walter Spielmann

  Laufer, Peter: Bio? Die Wahrheit über unser  Essen. St. Pölten (u. a.): Residenz Verlag, 2015. 286 S. € 19,90 [D], 20,70 [A] ; ISBN 978-3-7017-3359-0