Geld ist nicht nur ein neutrales Zahlungsmittel, sondern auch ein Unsicherheitsfaktor. Es enthält Krisenpotential; zumal dann, wenn es als Weltgeld fungiert, kann es zum “Sprengsatz für die Weltwirtschaft” werden. So lautet denn auch der Subtitel von Henrik Müllers in journalistischem Jargon abgefaßten Pamphlet über den Euro. Ausgehend von der These, daß mit dem Ende der “realsozialistischen Bedrohung” die militärische Macht in den Hintergrund gerückt sei und die “ökonomische Potenz die Hauptrolle” übernommen habe, attestiert Müller den USA einen “relativen Bedeutungsverlust” (S 11). Die Deutsche Einheit, oder besser die Angst vor Deutschland, habe in der Folge den eigentlichen Motor der Europäischen Integration gebildet. Das Ergebnis stelle eine neue bipolare Weltordnung dar, in der nunmehr die “zweite ökonomische Großmacht” EU eine wichtige Rolle zu spielen beginne. Politisch sei die “unfertige Großmacht” dafür jedoch schlecht gerüstet. Zwei Optionen stellten sich für die neue Supermacht: Kooperation oder Konkurrenz (S. 15). Der Gegensatz USA – Europa könnte einen Handelskrieg losbrechen, “bei dem es am Ende nur Verlierer” gebe (S. 18).

Als Methode bezeichnet der Autor, daß manches “hoffnungslos überspitzt klingen” möge, um auf Risiken hinweisen zu können. Dieser Ansatz findet sich insbesondere in den einleitenden Bemerkungen über die EU und ihre Defizite, denn diese lesen sich wie eine platte populistische Polemik, die man eher überspringen sollte. Wiederholt geißelt der Autor die EU, sich der Beschäftigungspolitik angenommen zu haben. Dieses Politikfeld sei schließlich Aufgabe der Nationalstaaten: Für ein Benchmarking auf EU-Ebene wären die OECD-Studien ausreichend und ohnehin besser geeignet. Wohlstandschauvinistische Argumente determinieren schließlich des Autors Möglichkeitssinn. Anhand eines “erfundenen” Spigaloland (der Name erinnert nicht zufällig an ein bestimmtes südliches Land) skizziert Müller Szenarien für das Jahr 2006. Spigaloland sollte eigentlich strukturelle Reformen durchführen. Infolge der Osterweiterung wird die EU jedoch von einem asymmetrischen Schock erschüttert, von dem Spigaloland besonders betroffen wird. Von der “Außenwirtschaft” kann es sich nicht länger mit einer eigenständigen Währungspolitik verteidigen. Die monetären “shock absorber” wurden mit dem Übergang zur Währungsunion abgeschafft. Aus Angst vor populistischen Kräften, sowohl in Spigaloland wie auch im Rest der EU, käme es zu einer Euroabwertung.

Das zweite Szenario ist eine Weltrezession infolge eines Aktiencrashs an der Wallstreet. Die USA versinkt “in einem Teufelskreis der Armut” und “Euroland” folgt. Eine keynesianische Politik wäre nötig. “Doch in der Krise können sich die Regierungen der Welt dazu nicht durchringen” (S.. 114). Aus einem “Abwertungswettlauf wird letztlich ein Inflationswettlauf” (S. 117). Der Konflikt eskaliert, Strafzölle werden eingehoben, die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) gelten nicht länger: Der Handelskrieg ist Faktum.

Böte eine Neuauflage von Bretton Woods eine Lösung? Müller bezweifelt dies, da erstens eine “Hegemonialmacht von globalem Zuschnitt” (S. 142) fehlt und zweitens ein solches System regulierte Kapitalmärkte erfordert, die es heute nicht mehr gibt. Es müsse daher die Macht der Märkte beschränkt werden. Darin sieht der Autor aber gerade “eine fatale Entwicklung”, denn Wechselkurse dürften nicht “politisiert” werden.

Das Buch schließt mit 8 Ratschlägen an Europas Staatsmänner und -frauen: Solidarität (insbesondere der Finanzminister), Erledigung der (angebotspolitischen) Hausaufgaben, Unabhängigkeit der Notenbanken, keine politischen Eingriffe in die Wechselkurse, keine Hegemonialpolitik (gegenüber den USA), Stärkung internationaler Institutionen, keine Beschränkungen des Kapitalverkehrs und Schaffung von Regeln für die Konfliktlösung.


D. P.

Müller, Henrik: Großmacht Euro. Sprengsatz für die Weltwirtschaft? Bonn: Dietz, 1999. 187 S., DM / sFr 24,80 / öS 181,–