1818 veröffentlichte die erst neunzehnjährige Mary Shelley ihren Roman Frankenstein. Die Faszination, die von der Geschichte des fanatischen Naturwissenschafters und seiner unglückseligen Schöpfung ausgeht, hat wohl bis heute nichts von ihrer Kraft verloren.

Rudolf Drux präsentiert in seiner Sammlung ein breites Spektrum an Reaktionen und Überlegungen, die Frankenstein und sein Monster bei Schriftstellern und Wissenschaftern hervorruft. Gerade an der Schwelle zum zweiten Jahrtausend erweist sich Frankenstein als geradezu frappierend aktuell. Die Idee, Leben künstlich zu erschaffen, hat die Menschheit von jeher fasziniert und erschreckt, wie Rudolf Drux in seinem Aufsatz “Frankenstein oder der Mythos vom künstlichen Menschen und seinem Schöpfer” darstellt.

Mary Shelley selbst stellt einen Bezug zu den Mythen der griechischen Antike her, indem sie ihrem Schauerroman den Untertitel “Der moderne Prometheus” gab. Die dunkle Seite des Fortschritts wird in ihrem Roman überdeutlich. Die Ambivalenz dieser Problematik – einerseits könnten durch gentechnische Untersuchungen Erbkrankheiten beseitigt werden, andererseits droht aber auch die Horrorvision der Eugenetik – ist auch Thema des Beitrages “Zombie und Zauberstab. Furcht und Hoffnung der Gentechnik” des deutschen Publizisten Richard David Precht.

Daß Frankenstein sein Monster aus Leichenteilen zusammensetzt, war wohl der Anstoß zum Aufsatz “Mensch-Tier-Chimären. Bemerkungen zur Transplantationsmedizin und ihrer Geschichte” der Biologin Silke Schicktanz. Hier wird ein Bogen von sagenhaften Mischwesen wie Sphinxen und Chimären zur modernen Organtransplantation geschlagen. Die Autorin hat auch einige überraschende Details aus den Anfängen der Bluttransfusion auf Lager: So wurde im 17. Jahrhundert angenommen, mit dem Blut ließen sich auch gewisse charakterliche Eigenschaften übertragen.

Die Idee des künstlichen Menschen wurde auch in der bildenden Kunst vielfach aufgegriffen, S. D. Sauerbiers Beitrag “Vom menschgemachten Menschen” bietet einen Überblick zur Verarbeitung dieses Themas in der bildenden Kunst.

Naturgemäß griff man auch in der Literatur das Frankenstein-Motiv immer wieder auf. Neben literaturwissenschaftlichen Betrachtungen finden sich in Rudolf Drux‘ Sammelband auch Texte von Schriftstellern wie Harry Mulisch und Hans Magnus Enzensberger.

Eine im Hinblick auf die zahlreichen Verfilmungen des Stoffes sicher hilfreiche kommentierte Filmograpie von Hans Jörg Marsilius vervollständigt den Band.


K. F.

Der Frankenstein-Komplex: Kulturgeschichtliche Aspekte des Traums vom künstlichen Menschen. Hrsg. v. Rudolf Drux. Frankfurt/M.: Suhrkamp-Verl., 1999. 276 S., DM 16,80 / sFr 16,- / öS 123,-