Brauchen wir noch ein Buch zum Thema ”Globalisierung'? Dieses ja, denn dieser Band der Stiftung Entwicklung und Frieden bringt in die Globalisierungsdebatte so die Herausgeberinnen - "einen bislang vernachlässigten Aspekt ein: die Geschlechterfrage" (S. 11). Die viel diskutierte und umstrittene Neue Weltordnung beruht unbestritten auf alten Geschlechterideologien. Die Autorinnen leuchten wirtschaftspolitische, soziale und kulturelle Aspekte unter Berücksichtigung weiblicher Lebenszusammenhänge aus. 

Die ersten beiden Teile des insgesamt 5 Abschnitte umfassenden Bandes beschäftigen sich mit frauenpolitischen Fragen im engeren Sinne, wobei ein Schwergewicht auf den internationalen Frauenorganisationen und den Frauengremien der Vereinten Nationen liegt. Das Problem der internationalen Gerichtsbarkeit, wie sie etwa in der Frage von Kriegsverbrechen virulent ist, wird im dritten "Frieden und Konflikt" betitelten Kapitel behandelt. Dem immer wieder brisanten und äußerst kontrovers diskutierten Thema der Bevölkerungspolitik ist der vorletzte Teil gewidmet, und den Abschluß bilden die dezidiert wirtschafts- und entwicklungspolitischen ThemensteIlungen im globalen Kontext.

Eine Falle haben die Autorinnen erfolgreich vermieden: nämlich auf die Globalisierung mit globalen Antworten zu reagieren. Die Globalisierungsprozesse bedürfen vielmehr einer differenzierten Auseinandersetzung. So wird in Lateinamerika bereits seit 20 Jahren "über Probleme der Liberalisierung, Privatisierung und des Legitimationsverlustes des Staates diskutiert" (S. 17), in Indien werden diese Debatten seit ca. 10 Jahren geführt, während im wirtschaftspotenten Teil Europas erst seit 3 bis 4 Jahren der Konflikt zwischen nationaler Souveränität und transnationalen Wirtschaftsprozessen zu einem Thema der medialen Öffentlichkeit wurde. Folgerichtig legen die Herausgeberinnen ihr Augenmerk auf geschichtliche Zusammenhänge, wie die (post-)koloniale Einbettung des globalen Transfers westlicher Wirtschafts- und Wissenssysteme. Globalität wird von Klingebiel und Handeria "parteiisch" betrachtet. als sich viele der Analysen auf die spezifische Situation von Arbeitsmigrantinnen bzw. Arbeitsverhältnisse von "Dritte-Welt-Frauen" beziehen. So stammt fast die Hälfte der Beiträge von afrikanischen und asiatischen, speziell indischen Autorinnen.

Wer in dem vorliegenden Band hingegen nach neuen feministischen Theorien sucht, wird enttäuscht. Es geht vielmehr um die Anwendung der bekannten wissenschaftlichen Thesen zur "Gender-Problematik", die mit politisch engagierten Positionen für praxisbezogene Lösungsansätze fruchtbar gemacht werden sollen. Dabei wird Globalisierung nicht durchwegs negativ verstanden; vielmehr steht der Versuch im Vordergrund, neben den kritisch analysierten Problemen v. a. auch die politischen Chancen und Nischen für Frauen ausfindig zu machen und zu nutzen.

A.E.

Globalisierung aus Frauensicht. Bilanzen und Visionen. Hrsg. v. Ruth Klingebiel ...Bonn: Dietz, 1998. 359 S. (Texte der Stiftung Entwicklung und Frieden) DM / sFr 24,80/ öS 181, -