Peter Sloterdijk, wortgewaltiger Essayist in Sachen Politik und Philosophie, bewegt sich wieder einmal in problematischem Terrain, wenn er über das Fehlen einer Groß-Europa-Vision nachdenkt. Er untersucht nämlich die europäischen Absence-Ideologien seit dem 2. Weltkrieg. Die "europäischen Weltmacht-Bestrebungen" des Autors regen zum Widerspruch an, werden aber von ihm selbst gleich wieder relativiert. Bis 1945 galt Europa als Ausdruck "von Welt", die "nichts anderes als der naturgegebene Horizont der äußersten europäischen Ambitionen" war. Entsprechend traumatisch und epochal war nach Ansicht Sloterdijks die Bedeutung dieses Jahres, in dem "aus der einstigen Mitte der Welt" eine "eingeklemmte Zwischenzone, aus dem ehemaligen souveränen Subjekt ein halbmündiges Objekt von Moskauer und Washingtoner Kalkülen" wurde.

In den aktuellen Europabestrebungen der sogenannten Eurokraten - sie könnten für ihn ebenso gut Eurotherapeuten heißen, die "einen Großteil des Kontinents in eine Kurklinik für Erkrankungen des Bewegungsapparates" umwandeln sieht der Autor die Bestätigung dafür, dass die Europäer "Urlaub vom Zwang zur großen Politik" nahmen. „Ihre Aufgabe schien zu sein, eine Betriebsform gemeinsamer Schwächen zu entwickeln." Im Falle Sarajewos reichte es immerhin zum Entsenden von Beobachtern und Tragbahren. Nun wäre es aber an der Zeit, so die These des Autors, dass die Europäer erwachen - ohne zu regredieren - und die Macht des Schicksals wieder von der aktiven Seite her betrachten. "Sollte die politische Einbildungskraft der Europäer noch einmal offensiv anspringen, dann nur, wenn sie von dem Elan ergriffen würden, eine ganz neuartige und verfremdende Fortsetzung ihrer Geschichte zu erfinden."

Es fehlt Sloterdijk diesbezüglich auch nicht an politischer Phantasie, wenn er an die Notwendigkeit und Möglichkeit der Umwandlung des Prinzips "Reich" durch das Prinzip "Staaten-Union" denkt. Ihm schwebt dabei eine multinationale Föderation vor, mit der "Europäer ein erstes erfolgreiches Modell für die fehlende Zwischengröße zwischen den Nationalstaaten und den Organisationen des United Nations-Komplexes entwickeln" könnte. Für Sioterdijk ist Zukunftspolitik "in weitem Ausmaß von einer Modernisierung der visionären oder prophetischen Funktion der Intelligenz abhängig". Sobald also Europa in diesem Sinne erwacht, wird die Absage an die alten Imperialismen politische Gestalt annehmen. "Nur die Nicht-Einwilligung in jede Art von Verachtung gäbe einem neuen Europa den langen Atem der Wahrheit, der innerste Ansprüche auf Erfolg trägt. "

A. A.

Sloterdijk, Peter: Falls Europa erwacht. Gedanken zum Programm einer Weltmacht am Ende des Zeitalters ihrer politischen Absence. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 7994.675., DM 79,80/sFr 78,20/öS 755