Folgende fünf Kriterien neuen Denkens in den Naturwissenschaften hatte Fritjof Capra anlässlich eines Symposions an dem von ihm geleiteten Elmwood Institute (Berkeley) zur Diskussion gestellt: Den Wechsel vom Teil zum Ganzen, von der Struktur zum Prozess, von der objektiven zur "epistemischen" Naturwissenschaft, vom Gedankengebäude zum Netzwerk als Struktur des Erkennens und schließlich den Wechsel von der Wahrheit zur annähernden Beschreibung. Dass er damit frappierende Entsprechungen im Bereich der aufgeklärten Theologie jenseits konfessioneller Beschränkung ansprach, ist der faszinierende Befund eines Dialogs mit Pater Steindl-Rust und dem Theologiehistoriker Thomas Matus, der in Big Sur, Kalifornien, geführt wurde und hier im Wortlaut wiedergegeben ist. Wenn beispielsweise die Offenbarung nicht weiter als zeitlose Wahrheit, sondern als historische Manifestation verstanden wird, so sind - gerade auch hinsichtlich des naturwissenschaftlichen Paradigmenwechsels - zentrale Gemeinsamkeiten angesprochen. Sie werden jedoch - auch das verbindet - vom jeweiligen Establishment nur zögernd zur Kenntnis genommen. Die tiefe Verbundenheit des Fragens nach dem "Wie" (Naturwissenschaft) und nach dem "Warum" (Theologie) offenbart sich im grenzüberschreitenden Suchen nach Wahrheit (Ökologie / Ökumene) wie in der Einsicht, dass neues Denken vielfach die Wiederentdeckung alter Traditionen bedeutet. Die Komplexität und tatsächlich neue Wege weisende Dimension dieses Diskurses, bei welchem Capra die Rolle des gestaltenden Moderators einnimmt, sei an einer verblüffenden These festgemacht: Das Mysterium göttlicher Dreifaltigkeit findet seine Entsprechung im Konzept der Selbstorganisation. Deren zentralen Aspekte Muster, Struktur und Prozess lassen Capra von einer "dreifaltigen" Natur sprechen. Die sich abzeichnende Verschiebung vom Rationalen hin zum Intuitiven öffnet nicht zuletzt auch den Blick für gemeinsame Verantwortung im Sozialen. Es geht nicht zuletzt darum, "Wissen zu verbreiten, damit die Menschen sich selbst helfen können und sich nicht auf andere verlassen müssen". Der Glücksfall eines Dialogs, der als Prozess wechselseitigen Verstehens und Einverständnisses für Dritte nachvollziehbar ist.

Capra, Fritjof: Steindl-Rust, David: Wendezeit im Christentum. Perspektiven für eine aufgeklärte Theologie. In Zusammenarbeit mit Thomas Matus. Bern (u.a.): Scherz-Verl., 1991.286 S., DM 38,-1 sFr 32,20/  öS 296,40