1903 in Mönchengladbach geboren, ist Hans Jonas schon aufgrund der Zeitspanne, die er kritisch reflektierend durch sein Denken beeinflusst hat, ein bedeutender Chronist dieses Säkulums. Der sensiblen Art des Gesprächs, zu dem vor allem auch Ingo Hermann wesentlich beiträgt, verdankt der Leser Einsichten in das geistige Umfeld eines liberal geprägten jüdischen Großbürgertums, in welchem Jonas durch seine zionistische Grundhaltung zunächst auf Widerstand, doch auch auf Verständnis des Vaters stieß. Den Studienjahren in Marburg, Freiburg und Berlin, u.a. bei Husserl und Heidegger, sowie der lebenslangen Freundschaft zu Hannah Arendt, den religionsgeschichtlichen und -philosophischen Arbeiten sowie dem akademischen Werdegang Jenas' über Palästina, Kanada und die USA wird ausführlich Raum gegeben. Die tiefe Suche nach der Verbindung von Wahrheit und Menschlichkeit sowie die Sympathie für die Schwachen der Gesellschaft sind durchgehend prägende Elemente seines Denkens, das sich folgerichtig, wenn auch durch den Zufall mitbestimmt, über Fragen einer "philosophischen Biologie" hin zu einer Ethik entwickelt, die den Erfordernissen des technologischen Zeitalters gerecht zu werden sucht. Im Diskurs über Eliten und politische Chancen autoritärer Regime fällt das Votum zugunsten der Demokratie aus, da "eine größere Unabhängigkeit im Verstehen und Einsehen (der) Verantwortung (gegenüber der natürlichen Umwelt) dauernd erzeugt wird". Kapitalistisch orientierten Fortschrittsglauben und marxistische Utopie weist Jonas gleichermaßen zurück. Als "anthropologischen Grundirrtum" Blochs bezeichnet er die Verwechslung von "Gnade und Fluch menschlicher Schöpfungskraft mit einem süßen, elysischen Dasein"; an die Stelle einer politisch-gesellschaftlichen Utopie von universaler Fülle gelte es, bescheidenere Ziele zu setzen und die Hoffnung darauf zu richten, "dass sich der Mensch selbst Einhalt gebieten kann". Während die abschließenden Gedanken zu Tod und Alter in Zusammenhang mit den ambivalenten Errungenschaften der Medizin überzeugen, ist das Votum für die weitere Nutzung und Erforschung der Atomenergie gerade auch in Hinblick auf die eingeforderte Zukunftsverantwortung menschlichen Handelns kaum nachvollziehbar.

Jonas, Hans: Erkenntnis und Verantwortung. Gespräch mit Ingo Hermann in der Reihe "Zeugen des Jahrhunderts". Hrsg. v. Ingo Hermann. Red.: Jürgen Voigt. Göttingen: Lamuv-Verl., 1991, 1515., DM 18,-/ sFr 15,30 / öS 140,40