Vom Glück, lernen zu dürfen

Ob im Folgenden von Joseph Addison – der Journalist und Herausgeber der Zeitschrift „The Spectator“ votiert vor allem für „genaue Beobachtung“ und „persönliche Anschauung“ als Voraussetzung gelingender Menschenbildung – oder dem im norddeutschen Wismar tätigen „Schulmann“ Hermann Samuel Reimarus – er setzt vor allem auf die „Erziehung zur Vernunft“– und im weiteren Verlauf von acht herausragenden Vordenkern und Praktikern „zweckfreier Bildung“ die Rede ist: Overhoff hat in Form und Inhalt eine vom ersten Moment an fesselnde Art der Darstellung gefunden, die das Ringen um eine menschengerechte Pädagogik im 18. Jahrhundert zu einem Abenteuer werden lässt. Was diesem Buch v. a. auch Aktualität sichert, ist die Zuordnung eines zeitlos relevanten „Bildungs-Wertes“. Abschließend seien zumindest die Namen der Portraitierten sowie die ihnen zugeordneten Leitbegriffe angeführt: Johann Jakob Bodmer (Phantasie), Christian Fürchtegott Gellert (Aufrichtigkeit), Benjamin Franklin (Gemeinnützigkeit), Jean-Jacques Rousseau (Mitgefühl), Johann Bernhard Basedow (Toleranz), Moses Mendelssohn (Gottvertrauen), Mary Wollstonecraft (Chancengleichheit) und Immanuel Kant (Selbstdisziplin). Schon diese Aufzählung macht deutlich, dass Bildung weit mehr ist als ein von ökonomischem Kalkül diktierter Prozess, in den – je nach sozialem Status und individueller Herausforderung – das „lebenslange Lernen“ eingefordert und überwiegend glücklos praktiziert wird. Sich dies mit Overhoff in Erinnerung zu rufen, ist inspirierend. Die Praxis an Schulen und Universitäten freilich sieht – überwiegend – anders aus. Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Erwartungen an und die Vorschläge für eine zeitgemäße Wissensvermittlung. W. Sp.

Overhoff, Jürgen: Vom Glück, lernen zu dürfen. Für eine zweckfreie Bildung. Stuttgart: Klett-Cotta, 2009. 272 S., € 22,90 [D], 23,60 [A], sFr 39,40

ISBN 978-3- 608-94171-5

 

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