Ganze Arbeit

Die Debatte um die „Zukunft der Arbeit“ im „politischen Fünfeck von Ökologie, Ökonomie, Sozialem, Kultur und Demokratie“ zu verankern und Arbeit in diesem Kontext nicht nur neu zu verteilen, sondern „gänzlich neu zu bestimmen, zu bewerten und zu organisieren“ (S. 10), müsse das Ziel eines zukunftsfähigen sozioökonomischen Umbaus sein, so die Herausgeberin zur Motivation für den vorliegenden Band, der sich als kritische Antwort auf jene versteht, die im Dritten Sektor wie im  Konzept der Bürgerarbeit vornehmlich die sozialintegrativen und nicht die gesellschaftsverändernden Kräfte sehen.
Die Sozialwissenschaftlerin Mechthild Jansen macht gleich einleitend deutlich, dass „der heutige Grad an neuartiger menschlicher Ausbeutung“ letztlich für alle kontraproduktiv wirke (die Verlierer des sozialen Wandels schlagen zurück, wie die anwachsende rechte Gewalt zeige, die im System Verharrenden reagieren mit Krankheiten, Depressionen und Selbstwertverlusten). Änderungen müssten daher letztlich im Interesse aller liegen. („Gestörte Wechselseitigkeiten in den gesellschaftlichen Beziehungen sind teuer und unproduktiv – für alle.“ S. 35.) Als zentrale Frage stellt sich für die Autorin, „wofür in Wirtschaft und Gesellschaft künftig in erster Linie Geld einzusetzen wäre“. Sie plädiert für die „Ressource Mensch“ und vernachlässigte Bestandteile der Gesamtökonomie wie Vernetzung und Kommunikation, Gemeinwohl, Zivilität, Sorgearbeit, Wiederaufbau von Natur, Bildung und Kunst sowie das Erlernen von konstruktivem Handeln und Aushandeln, was auch eine „Wiederinstandsetzung der Politik“ bedeuten würde.
In mehreren Beiträgen wird der männliche Blick auf Bürgerarbeit kritisiert, der außer Acht lässt, dass die unbezahlte Arbeit noch immer vielmehr ausmacht als die bezahlte (nach einer Zeibudgetstudie des Statistischen Bundeamtes stehen in einer normalen Woche durchschnittlich 22 bezahlten Arbeitstsunden 28 nichtbezahlte gegenüber), und dass letztere noch immer vor allem von Frauen erledigt wird. Grundsicherungsmodelle werden als Chance gesehen, diese derzeit nicht monetarisierten Tätigkeiten aufzuwerten, sofern die Aufteilung von Erwerbs- und Hausarbeit auf beide Geschlechter ebenfalls vorangetrieben wird (die bessere sozialrechtliche Absicherung von Teilzeitmodellen könnte die größere Beweglichkeit in der Lebensplanung begünstigen). Ein Beitrag skizziert kritisch die neuen Arbeitsbedingungen in der Informationswirtschaft, die auf volle Flexibilität und freie Arbeitsverhältnisse („Projektarbeit“) setzt. Rechtliche und sozialpolitische Verbesserungen für Non-Profit-Unternehmen in Deutschland, die Betonung der gesellschaftlichen Chancen des Dritten Sektors sowie eine Ergänzung des allein auf dem Versicherungsprinzip basierenden deutschen Sozialsystems durch steuerfinanzierte Elemente (im Sinne des niederländischen Modells einer „Flexicurity“, welche auf Mindestsicherungen in allen Lebenslagen basiert) sind weitere Themen des Bandes.
Das „Ganze der Arbeit“ kommt schließlich in Beiträgen über lokale Gemeinwesenökonomien, Tauschringe,  Arbeit und Leben verbindende Kommunen auch praktisch in den Blick. Die Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz betont die Bedeutung dieser „Experimente des anderen Wirtschaftens und Zusammenlebens“; es habe keinen Sinn, „immer nur über Vereinzelung, Abhängigkeit und Unterdrückung zu klagen. Nach wie vor gilt der alte Spruch: „Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Kämpfen.“ (S. 155) Dem ist wohl nur zuzustimmen. H. H.
Ein konkretes Beispiel lokaler Ökonomie aus dem Stadtteil Köln-Mühlheim thematisiert
Mertens, Heide: Das Ganze der Arbeit. Bedürfnisorientiertes Wirtschaften im lokalen Umfeld. Neu-Ulm: AG SPAK, 2001. 208 S. (Konzepte/Materialien der Stiftung Fraueninitiative; 1)

Bei Amazon kaufenGanze Arbeit. Feministische Spurensuche in der Non-Profit-Ökonomie. Hrsg. v. Katrin Andruschow. Berlin: Ed. Sigma, 2001. 278 S. (Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung; 29) DM / sFr 29,80 / öS 232,50

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