Die aktuellen Umweltprobleme und deren Thematisierung haben eine Vorgeschichte. Die Umweltdebatte bedarf deshalb dringend einer historischen Standortbestimmung, denn ohne historische "Verortung" bleiben die notwendigen neuen Perspektiven belang- und folgenlos. In den einzelnen Beiträgen werden die Veränderungen in den Bereichen Wasser, Luft, Boden, Energie, Verkehr und Arbeitsplatz bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückverfolgt.

Charakteristisch ist der Versuch, neuartige, vom Menschen geschaffene Kreisläufe zu installieren. Über die daraus resultierenden Schäden wurden schon früh heftige kontroverse Diskussionen geführt, Warnungen und Alternativvorschläge vorgetragen. Am Beispiel des sauren Regens werden Ursachen und Gründe aufgezeigt, warum dagegen nichts unternommen werden konnte. Damals wie heute setzte die Industrie ihre Rechte durch. Eine Tradition, Belastungen nicht entstehen zu lassen, läßt sich nach Ansicht der Autoren nicht feststellen. Gegen das Verursacherprinzip, so das Resümee der Herausgeber, hat sich - wie in der Umweltpolitik generell – ein System der Kollektivhaftung durchgesetzt. Die Katalysator-Verordnungen sind dafür ein vielsagendes Beispiel. Zum Auto bietet W. Sachs eine ökologisch orientierte Mentalitätsgeschichte. Diese reicht von den Wünschen und Hoffnungen auf individuelle Verfügung über Zeit und Raum, Unabhängigkeit von einem Fahrplan bis zur massenhaften Erfüllung dieser Träume. Verstopfte Straßen, verbaute Landschaft und der Verzicht auf das Auto - ein Luxus, den sich nur wenige leisten können - sind die Folge.

Eine Geschichte der Umwelt beinhaltet auch die Auseinandersetzung mit der technischen Entwicklung und Technikbegeisterung. Bis heute herrscht vielfach die Erwartung vor, mit Hilfe der Technik seien die anfallenden Probleme zu lösen. Bestimmte technische Entscheidungen - wohlmeintlich zu Gunsten der Umwelt – waren und sind durch politische, ökonomische und soziale Faktoren bedingt. Ein vielsagendes Beispiel aus der Geschichte ist der Bau hoher Schornsteine, der zwar eine Entlastung der unmittelbaren Umgebung, dafür aber eine breitere Streuung der Schadstoffe brachte. Diese Geschichte der Umwelt zeigt eindringlich, daß die Entwicklung der letzten 150 Jahre nicht als ein konfliktloser Prozeß aufzufassen ist, sondern daß es schon immer Widersprüche und Alternativen gab. Das Erschrecken über das Ausmaß der Belastung in dieser kurzen Zeitspanne muß der Hoffnung weichen, daß Änderungen ebenso schnell möglich sind. Viel hat sich bisher noch nicht gebessert, die Wahrnehmung und die Prioritäten haben sich allerdings verändert.

Besiegte Natur: Geschichte der Umwelt im 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg. v. Franz-Josef Brüggemeier u. Thomas Rommelsbacher. München: Beck, 1987. 197 S. (Beck'sche Reihe; 345) DM 19,80/ sfr 16,60/ öS 154,40