Joachim Radkau zählt zu den bedeutendsten Umwelthistorikern des deutschen Sprachraums. Nach der „Weltgeschichte der Umwelt“ (2000) legte er nun mit „Die Ära der Ökologie“ (2011) ein neues imposantes „Opus magnum“ vor. Der Autor beschreibt die Entwicklung der Ökologie beginnend im 18. Jahrhundert mit Rousseau und der Romantik – treffend charakterisiert mit „Naturkult und Holznot“ – über die Naturschutz- und Lebensreformbewegungen um die Jahrhundertwende (die laut Radkau große lebenspraktische Wirkung gehabt haben) bis herauf zur „ökologischen Revolution“ der 1970er-Jahre und den folgenden Debatten über Nachhaltigkeit, Ressourcengrenzen, Klimawandel und Gerechtigkeit. Keineswegs ausgespart – das ist zu begrüßen – wird der „Blut und Boden“-Naturschutz der NS-Zeit, verkörpert etwa durch den „Reichslandschaftsanwalt“ Alwin Seifert, der dafür sorgte, dass die neu gebauten Autobahnen von „heimischen Gehölzern“ gesäumt wurden! Mehr noch als diese Chronologie der Umweltbewegungen mit ausführlichen Exkursen in die Umwelthistorie anderer Kontinente, etwa der USA, aber auch Lateinamerika, Afrika und Asien, besticht Radkau durch seine scharfsichtigen Analysen und die Fähigkeit, ökologische Fragestellungen in die jeweiligen politisch-ökonomischen Kontexte einzubinden. Der Autor verdeutlicht etwa den Spannungsbogen zwischen charismatischen Führungspersönlichkeiten der Umweltbewegungen (mehrere davon wiederum aus unterschiedlichen Kontinenten werden ausführlich porträtiert) und der schnöden, aber nicht weniger wichtigen Umweltpolitik der „Ökokraten“. Noch immer biete das Wirtschaftswachstum weltweit attraktivere machtpolitische Chancen als der Umweltschutz. Wenn dieser daher nicht selbst zu einer Macht werde, habe er gegen diese Mächte keine Chance, so Radkau. D. h.: „Flächendeckender Umweltschutz ist ohne gekonnten Einsatz des Staatsapparates aussichtslos“ (S. 617) Oder: „Räsonnements über die Rettung der Welt sind heiße Luft, wenn man nicht die Institutionen mitdenkt, die die Kompetenz besitzen, um die guten Absichten in die Tat umzusetzen.“ (S. 627) Als weiteres Spannungsverhältnis zeigt der Autor den Gegensatz von lokalem und globalem Engagement auf. Global koordinierte Umweltanstrengungen würden unerlässlich sein, auch wenn sie – vom Montreal- Protokoll zur Schließung des Ozonlochs abgesehen – bisher wenig konkrete Erfolge gezeitigt hätten, ist Radkau überzeugt. Und doch hält er den lokalen Bezug noch immer für einen starken Impuls für Veränderung.. So habe ihn selbst vor vierzig Jahren „der Hass auf den Lärm und den unaufhaltsam vordringenden Autoverkehr zur Umweltbewegung gebracht“ (S. 633). Die meist fehlende unmittelbare Betroffenheit macht für den Umwelthistoriker die Schwierigkeit wirksamen Klimaschutzes aus: „Auf der einen Seite war die Apokalypse noch nie so konkret definiert wie mit dem ‚global warming’; auf der anderen Seite war sie für die Nordländer noch nie so wenig furchteinflößend.“ (S. 581) Anders etwa als bei der Atomkraft, die der Autor für ein Kernanliegen der Umweltbewegung hält und daher auch ausführlich beschreibt. Benannt wird auch das nicht selten konflikthafte Verhältnis von Umweltschutz und Naturschutz, etwa wenn es um neue Windräder geht. In Fortführung von Max Weber, über den der Autor eine viel beachtete Biografie verfasst hat, attestiert Radkau der Öko-Bewegung, dass sie eine Entzauberung des technischen Fortschritts erreicht habe. Der Naturschutz wiederum trage zu einer „Wiederverzauberung“ der Welt bei, der sich „in der Bilderpracht zahlloser Natur-Publikationen“ spiegle (S. 615). Beides brauchen wir – so der Autor. Mit Zielkonflikten und inneren Spannungen konstruktiv umzugehen, wozu auch gehöre, dass es bei den großen Umweltproblemen ohnedies keine endgültige Lösung gäbe, hält der Autor in seiner „Dialektik der grünen Aufklärung“ für ein zentrales Zukunftsmoment für die Umweltbewegung. Dazu gehöre auch Offenheit im Denken: „Wer jeden, der an der Hockey-Schläger-Klimakurve zweifelt, wie einen Holocaust-Leugner behandelt, strapaziert den Zusammenhalt der Umweltbewegung ebenso wie der, für den jeder ein Feind ist, der nicht alle Formen der Kerntechnik radikal und bedingungslos ablehnt.“ (S. 620) Der globale und nachhaltige Erfolg des Umweltschutzes hängt für Radkau daran, „ob es gelingt, ihn an einer begrenzten Zahl von klaren und einfachen, allen vernünftigen Menschen einsichtigen Regeln festzumachen“, ähnlich dem Rauchverbot in öffentlichen Räumen. Dafür gelte es, die einfachenGrundmotive wiederzuerkennen: das „Menschenrecht auf sauberes Wasser, gute Luft, gesunde Ernährung und ruhigen Schlaf – ein ganz simples und elementares, allen Menschen einsichtiges Naturrecht“ (S. 618). Radkau setzt dabei – vielleicht etwa zu optimistisch – auf den „European Way of Life“, den er dem verschwenderischen „American Way of Life“ entgegensetzt. Deutlich wird dabei jedenfalls, dass Umweltschutz nicht (länger) ohne sozialen Ausgleich zu denken ist, eine Begrenzung des Wachstums mit einer Neuverteilung des Vorhandenen einhergehen müsse. „Environmental justice“ zählt für den Autor daher zu einem zentralen Ansatz von Zukunftsfähigkeit.

 

Radkau, Joachim: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte. München: Beck, 2011. 782 S., € 29,95 [D], 30,50 [A], sFr 43,50 ISBN 978-3-406-61372-2