Ian Morris widmet sich in seinem neuen Buch der Energiebasis von Gesellschaften. Energie meint hier nicht nur, was wir heute landläufig darunter verstehen, sondern im Wesentlichen  die Nahrungszufuhr. Während Jagd- und Sammelgemeinschaften in kleinen Gruppen umherzogen und sich von dem ernährten, was ihnen die Natur gab, ermöglichten Agrargesellschaften die Sesshaftigkeit und die Errichtung größerer Siedlungen mit ausdifferenzierten Gesellschaftsstrukturen.

Die Nutzbarmachung der Fossilenergie ab dem 18. Jahrhundert führte zu dem, was wir heute vorfinden: exponentielles Wachstum der Bevölkerung, der wirtschaftlichen Aktivitäten und der Naturausbeute. Die zentrale und zugleich provokante These von Morris lautet nun: Es gibt zwar übergeordnete Werte wie Fairness, doch diese würden je nach materieller Basis anders ausgelegt. Die Unterdrückung von Sklavinnen und Sklaven, wie auch von Bäuerinnen und Bauern, sei als moralisch richtig angesehen worden, weil die Versorgung der Städte mit Lebensmitteln anders nicht gewährleistet werden hätte können. Die Abschaffung der Sklaverei und Fronarbeit sei schlicht der Tatsache geschuldet gewesen, dass entsprechende Arbeit nun von Maschinen, angetrieben aus fossiler Energie, erledigt werden konnte. Morris sieht in diesem ungeheuren Energieschub den großen Freiheitsgewinn der Moderne, der die Zunahme demokratischer Herrschaftsformen und die tendenzielle Ausweitung der Gleichheit begründet.

Die materialistische Sichtweise auf Werte hat durchaus etwas Bestechendes. Doch wie jede monokausale Erklärung bleibt sie reduktionistisch. Dass versklavte Menschen sowie Bäuerinnen und Bauern über Jahrhunderte scheinbar wenig aufbegehrt haben, hat mit Machtverhältnissen zu tun und – wie Morris selbst ausführt –, damit, dass die Bauernschaft, anders als später die Industriearbeiterschaft, aufgrund der geringen Mobilität keine Möglichkeit hatte, sich in Aufständen zusammenzuschließen (und außerdem gab es in der Tat auch Sklaven- wie Bauernaufstände).

In Summe ein gut erzähltes, an historischem Wissen reiches Buch, das jedoch der verklärenden Ideologie der so genannten freien Welt des Westens unterliegt.