In mehrfacher Hinsicht Ungewöhnliches und – das sei vorweggenommen –auch Zukunftsweisendes dokumentiert der hier vorgestellte Band. Initiiert vom „Verein Lavanttaler Wirtschaft“ (VLW) wurde in Kooperation mit der Universität und dem Club Klagenfurt das Projekt „Quo vadis Lavanttal?“ gestartet. Unter Mitwirkung engagierter UnternehmerInnen und BürgerInnen wurden dabei in insgesamt fünf Veranstaltungen und über einen Zeitraum von acht Monaten Perspektiven für eine nachhaltige Entwicklung der neun Gemeinden umfassenden Region ausgelotet. In insgesamt zehn Kapiteln werden erste, richtungweisende Ergebnisse des als Interventionsforschungsprojekt konzipierten Vorhabens präsentiert. Dass dabei von Seiten des VLW nicht nur wirtschaftliche Agenden im engeren Sinn verhandelt, sondern eine auf Kooperation ausgerichtete „strategische Verantwortlichkeit“ unter Berücksichtigung ökologischer, sozialer und kultureller Faktoren wahrgenommen wurden, unterstreicht den innovativen Ansatz des Konzepts.

 

Das einleitende Kapitel zeichnet das sonnenbegünstigte Lavanttal, das an Fläche und Bevölkerung rund zehn Prozent Kärntens ausmacht, als „Region mit zwei Gesichtern“: Zum einen befindet sich der Wirtschafts- und Kulturraum in einer Umbruchsphase mit vielen, keineswegs einzigartigen Herausforderungen (demographischer Wandel, Abwanderung, geringe Erwerbstätigkeit v. a. der Frauen, Fehlen von Leitbetrieben im Bereich Tourismus); zum andern wird das Lavanttal als wirtschaftlich dynamische „Ideen-Region“ charakterisiert. In einer Zeit der Umbrüche gehe es darum, eine „traditionelle Gesellschaft in der radikalisierten Moderne in eine lernende Gesellschaft zu verwandeln. (…) Neue Identitäten, neue Kooperationsmodelle und eine neue regionale Kultur der Innovation stehen dabei im Vordergrund“ (S. 37).

 

 

 

Komplexe Zukunftsprozesse

 

Wie „die Organisation des Richtigen“ konkret vonstatten geht, schildert Abschnitt zwei, in dem die Komplexität des Zukunftsprozesses (in Bezug auf Inhalte, Prozess und Struktur) erläutert und der partizipative Ansatz unterstrichen wird, denn „das Richtige“ ist hier nicht allein die Expertenmeinung, „sondern auch eine Frage des Wollens und der Übereinkunft auf einen gemeinsamen Willen auf Basis eines gemeinsamen Verhandlungsprozesses“ (S. 54). In vier öffentlichen Veranstaltungen („Nachhaltige Wirtschaft – Utopisches Konzept oder strategische Chance für KMU?“, „Jugend schafft Zukunft“, „Internationale Netzwerke mit Lavanttaler Wurzeln“ und „Zukunftskonferenz Lavanttal 2020“ waren EntscheidungsträgerInnen aus insgesamt 55 Unternehmen, Vertreter der Gemeinden und des Landes, öffentliche Einrichtungen sowie Vereine und Organisationen „mit Breitenwirkung“ eingebunden und in erster Linie als „Chancendenker“ gefragt. Es ging etwa um Überlegungen zur Identität und zum Selbstverständnis der Region, u. a. festgemacht „in der Widersprüchlichkeit zwischen dem Wunsch, modern zu sein und andererseits bestehende Tradition zu wahren“ (S. 81). „Heimat“, so eine wiederholt vorgebrachte Meinung, manifestiere sich immer wieder im „Kirchturmdenken“, anstatt in einer globalisierten Welt „flexibel gedacht zu werden“ (S. 85). Dies war auch Fokus der Veranstaltung mit Jugendlichen, bei der insbesondere berufliche Perspektiven in der Region thematisiert und die Bedeutung einer verbindlichen Gesprächskultur herausgestellt wurden, die junge Menschen „in einen Prozess des Nachdenkens involviert und erleben lässt, wie die Zukunft in Aushandlungsprozessen aus der Gegenwart heraus entwickelt werden kann“ (S. 105). Den Potenzialen und Barrieren gelingender Kooperation in der Regionalentwicklung widmet sich ein weiteres Kapitel: Die Zusammenarbeit von Unternehmen, so ein Befund, steigert Innovationsbereitschaft und „Performance“ und erhöht das Ausbildungspotenzial; unterschiedliche Systemlogiken von Betrieben und Gemeinden, aber nicht selten auch persönliche Spannungen zwischen den Akteuren werden hingegen als Hemmnisse ausgemacht. Angesprochen wird auch die „Diskrepanz zwischen Absichtserklärungen, Appell, Empfehlungen und Förderprogrammen“ einerseits und in der Realität scheiternde Kooperation andererseits, „die Raumordnungsbestrebungen zu einem allseits ungeliebten Geschäft macht“ (S. 122). Als bestimmende Faktoren der „Gesamtkultur“ sollten „Wirtschaft und Technik in die Verantwortung genommen werden“. Dies aber könne nur gelingen, so heißt es, „wenn sie ihre Systemgrenzen überschreitet und ‚zweckfrei’ gelten lässt und fördert, was den Menschen wichtig ist oder sein könnte“ (S. 136).

 

Der Funktion der Wissenschaft im „Quo vadis“-Prozess – u.a. geht es auch um „die Kunst, im ‚richtigen’ Moment die ‚richtigen’ Interventionen zu setzen (S. 151) –, der Bedeutung von „Good Practice“ als Motor der Regionalentwicklung – die Devise lautet hier, mit Blick auf andere den eigenständig entwickelten Weg fortzusetzen, denn „es gibt keine Patentrezepte innovativer Regionalentwicklung“ (S. 188) – sowie der Rolle des Kärntner Wirtschaftsförderungs-Fonds und der Bedeutung des „Diamond-Modells“ (Erfolgsfaktoren wirtschaftlicher Entwicklung) gelten weitere Ausführungen, ehe abschließend die inhaltlichen Schwerpunkte des weiteren Prozesses in Form von vier „Leitideen“ formuliert werden: 1.) soll eine „Lavanttal-Factory“ die begonnene Kooperation auch international ausbauen und sichern, 2.) eine interkommunale Raumordnung durch „mutige Lösungen“ vorangetrieben, 3.) die langfristige Sicherung des Arbeitskräftepotenzials gewährleistet und 4.) ein „weitgehend energieautarkes und naturbewusstes Lavanttal“ verwirklicht, wenn man so will: Tradition und Innovation synthetisch verbunden werden.

 

Ambitionierte Vorhaben in der Tat. Dass ein Verband von mittleren Unternehmen federführend in diesem überregional beachtenswerten Prozess die Initiative ergriffen und Verantwortung übernommen hat und dabei – das stellt auch die Publikation eindrucksvoll zur Schau –  selbstbewusst zu Werke geht, lässt für die Zukunft Positives erwarten. Von diesem Beispiel lässt sich lernen!

 

W. Sp.

 

Zukunftsgestaltung als Prozess. Kulturell nachhaltige Wirtschafts- und Lebensraumentwicklung am Beispiel des Kärntner Lavanttales. Hrsg. v. Horst Peter Groß … München: ökom-Verl., 2009. 253 S. (Landschaft des Wissens, Bd. 3) € 29,90 [D], 30,70 [A], sFr 52,30

 

ISBN 978-3-86581-138-7