Die Frage, wie wir leben wollen und wie wirtschaften können, hängt wesentlich zusammen mit der Frage nach dem zugrundeliegenden Menschenbild. Olaf Schräder hat im Rahmen seines Masterstudiums „Gemeinwesenentwicklung, Quartiermanagement und Lokale Ökonomie“ an der Hochschule München zwei Prototypen des Menschenbildes, den „homo oeconomicus“ und den „homo cooperativus“, analysiert. Er zeigt die historisch-wissenschaftlichen Grundlagen beider Modelle auf, skizziert deren Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft, zeigt die Stärken und Schwächen beider Konzepte, und ergänzt diese durch ein drittes Modell, den „homo oeconomicus-cooperativus“, der sich kooperativ verhält, wenn dies die anderen auch tun, d. h . wenn daraus persönlicher Nutzen entsteht.

 

Überraschend an Schräders Analyse ist, dass sowohl die Evolutionstheorie von Charles Darwins – sein 200. Geburtstag gibt ja heuer Anlass zu einschlägigen Reflexionen – als auch die Wirtschaftstheorie von Adam Smith willentlich verkürzt und deren soziale Momente in der Rezeption durch die Wirtschaftswissenschaften weitgehend ausgeblendet wurden. „Ebenso wie der Sozialdarwinismus verkürzt auch die Ökonomik die Evolutionstheorie. Die sozialen und  kooperativen Elemente, deren Bedeutung Darwin erkannte, werden vernachlässigt.“ (S. 32) Schräder verweist auf die Begriffe „Sympathie und Gerechtigkeitssinn“, die Adam Smith in seiner „Theorie der ethischen Gefühle“ (1759) als wichtige den Egoismus begrenzende Faktoren aufgezeigt hat:„Sie sind unbedingt nötig, damit eine Gesellschaft bestehen kann“ (S. 33).

 

Der Autor referiert  selbstverständlich auch die neuesten Erkenntnisse der Neurowissenschaften, die das kooperative Element von allem Lebendigen betonen (z. B. bei Joachim Bauer); nicht weniger hilfreich sind aber auch die dargestellten Ausblendungen egoistischer Anteile im Menschen, die zum Scheitern mancher Sozialutopien geführt haben (referiert werden u.a. anarchistische Traditionen und Genossenschaftsbewegungen). Modelle seien immer deterministisch, folgert der Autor zu Recht; sie können jedoch helfen, menschliches Verhalten besser verstehbar zu machen: „Das Konzept des homo oeconomicus kann sehr gut zeigen, wie egoistische und rationale Entscheidungen getroffen werden können. Der strategische homo oeconomicus-cooperativus zeigt des Weiteren die Möglichkeit der Kooperation aus eigennützigen Motiven. Als drittes zeigt das Modell des homo cooperativus, welche Rolle Emotion, Sympathie, Kooperation, gegenseitige Hilfe und Altruismus spielen können.“ (S. 101) Dass die kooperativen Elemente in der gegenwärtigen Konkurrenzwirtschaft unterbelichtet bleiben bzw. unterdrückt werden, zeigt freilich auch die vorliegende Arbeit. Hinsichtlich der Frage, wohin wir gehen wollen, wird die „gegenseitige Hilfe“ als wichtiges gesellschaftliches Entwicklungsziel herausgestellt. H. H.

 

Schräder, Olaf: Wohin wollen wir gehen? Homo oeconomicus und Homo cooperativus – tragfähige Konzepte für die Zukunft. Neu-Ulm: AG SPAK, 2008. 121 S. (Community Development Studies; 7) € 16,- [D],

 

16,50 [A], sFr 27,20, ISBN 978-3-390-830-97-8