Mit “Peer-Produktion” wird die gemeinschaftliche und offene Produktionsweise bezeichnet, die im Bereich freier Softwareentwicklung oder ko

 

operativer Werke wie dem Internetlexikon „Wikipedia“ entstanden ist. Christian Siefkes beschreibt diese „dritte Produktionsweise“ zwischen marktwirtschaftlicher, auf Äquivalententausch basierender und planwirtschaftlicher Produktionsweise und versucht deren Verallgemeinerung über die Internetszene hinaus. Peer-ProduzentInnen handeln aus „Vergnügen, aus Leidenschaft oder

 

aufgrund des Wunsches, etwas Nützliches zu tun“. Sie „beschäftigen sich mit Problemen, die sie gerne gelöst hätten, und versuchen dabei, den eigenen Nutzen und den Nutzen anderer im Auge zu behalten, weil sie auf diese Art Beiträge von anderen erhalten und so ein besseres Ergebnis erzielen können“ (S. 18) – so beschreibt Siefkes das Wesen der freien Produktion. Sollte diese Form des Wirtschaftens über die gegenwärtige Internetszene hinaus ausgeweitet werden oder gar zur „vorherrschenden Produktionsweise“ werden, müssten jedoch die Herausforderungen der befriedigenden Bedarfsdeckung sowie die adäquate Verteilung von Gütern und Ressourcen gelöst werden.

 

 

 

Soziales Produzieren

 

Das so genannte „Fabbing“ würde eine individualisierte Produktionsweise ermöglichen, „wo jeder Mensch für den Eigenbedarf produzieren könnte, ohne auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein“ (S. 21). Personal Fabricators könnten in Zukunft zwar das Kopieren mancher Güter ähnlich den Informationsgütern, nicht jedoch das gesamte Produzieren der notwendigen Güter ermöglichen – abgesehen von der Frage, dass auch hier der Zugang zu den Ressourcen geregelt werden muss. Siefkes entwirft daher ein Modell für „soziales Produzieren“, das die Vorteile des offenen Teilens der freien Software mit der Verbindlichkeit der Versorgungssicherheit geplanter Wirtschaft zusammenbringt. Peer-Projekte bzw. -Gemeinden müssten demnach Wege finden, dass alle erforderlichen Aufgaben bei möglichst großer Freiheit aller Beteiligten erfüllt werden. So könnte von allen an einem Projekt mitwirkenden gefordert werden, dass sie eine bestimmte Anzahl von Stunden pro Monat beitragen, wobei sie sich selbst aussuchen, welche der offenen Aufgaben sie übernehmen. Für das Problem der „unangenehmen Aufgaben“, die am wenigsten Attraktivität aufweisen, schlägt Siefkes drei einander ergänzende Wege vor: man kann versuchen, sie wegzuautomatisieren (wofür es viele historische Beispiele gebe), man kann sie angenehmer machen („unterhaltsamer, interessanter, sicherer, leichter“) und man kann sie schließlich „kürzer machen“, indem man sie höher gewichtet. Das heißt für die unangenehmeren Tätigkeiten würden die meisten Stunden verrechnet. Der Autor entwirft in der Folge auch Konzepte zur „Aufgaben- und Produkteversteigerung“, um die Versorgung der Gemeinschaft mit den notwendigen Gütern sicherzustellen, und stellt nicht zuletzt Überlegungen darüber an, ob „soziales Produzieren“ irgendwann einmal zur Hauptproduktionsweise werden und damit die gegenwärtige, auf Geld basierte Marktwirtschaft ablösen könnte.

 

Zeitweise erinnern die Überlegungen an die Suche nach Regeln für die Erfüllung von Aufgaben, die sich in einer Wohngemeinschaft stellen. Sie machen aber durchaus Sinn und könnten – erprobt in kooperativen Projekten – wertvolle Erfahrungen für ein tatsächlich soziales Produzieren ermöglichen. Denn: Wirtschaften wird in Zukunft vielfältiger Organisationsformen bedürfen, die über das konkurrenzwirtschaftliche Prinzip hinausweisen. H. H.

 

Siefkes, Christian: Beitragen statt tauschen. Materielle Produktion nach dem Modell Freier Software. Neu-Ulm: AG SPAK, 2008. 167 S., € 16,- [D], 16,50 [A], sFr 27,20

 

ISBN 978-3-930 830-99-2