Während die Globalisierung vieler Handlungszusammenhänge zunimmt und sich weltweite Interdependenzen weiterhin vertiefen, ist gleichzeitig ein Trend zum Zerfall bisheriger politischer Großstrukturen zu beobachten. Der Globalisierung entsprechen internationalistische, der Fragmentierung meist nationalistische Perspektiven. Die zunehmende Verflechtung ist vornehmlich der OECD-Welt zuzuordnen, die Fragmentierung insbesondere den "Enwicklungsgesellschaften". Senghaas verwirft den Trend zur Partikularisierung nicht apriori, sondern deutet ihn als Ausdruck der Politisierung der Gesellschaften nachholender Entwicklung, die mehr und mehr eigene Lebensperspektiven und Interessen geltend machen. Die Welt werde somit konflikthafter, dem herkömmlichen "Sicherheitsdilemma" (Erwartungsverläßlichkeit in den internationalen Beziehungen) sei daher das “Entwicklungsdilemma" voranzustellen: "Denn die Welt ist heute zuinnerst eine Entwicklungswelt, die durch die Existenz unterschiedlich leistungsfähiger Ökonomien gekennzeichnet wird."

Entwicklungsnationalismus sei nach wie vor notwendig zum Aufbau von Ökonomien und Bürgergesellschaften, ist Senghaas überzeugt, ohne die Gefahren eines autistischen Ethno-Nationalismus zu leugnen. Friede ist für Senghaas nur über den Prozess der Zivilisierung von politischen Kollektiven möglich. Gewaltmonopol des Staates, verbunden mit Rechtsstaatlichkeit, sozialem Ausgleich und Demokratisierung sowie in der Folge Affektkontrolle und Entwicklung einer politischen Konfliktkultur nennt er dabei als wichtigste Markierungen. "Nachholende Entwicklung" sei daher immer in Verbindung mit "nachholender Zivilisierung"zu sehen. Modernisierung als Ausdruck von Emanzipation und Selbstbestimmunq. Klar benennt Senghaas die Verantwortung der OECD-Staaten für die Lösung der globalen ökologischen Krise ("Gemeingüterdilemma"), der Dritten Welt rät er (weiterhin) zum Weg der „collective self reliance", die der Landwirtschaft große Bedeutung zumisst, eine Balance zwischen Integration und Abkoppelung aus dem Weltmarkt versucht und ökonomische Entwicklung mit jener demokratischer Strukturen verbindet.

Der Friedensforscher schließt mit Perspektiven für eine Weltinnenpolitik, die - soweit es um die Rettung/Erreichung zivilisatorischer Mindeststandards gehe - das Abgehen vom völkerrechtlichen Prinzip der Nichteinmischung befürworten, hierfür jedoch die Entwicklung einer konkreten „Interventionskasuistik" voraussetzen. Ein wichtiges, sehr umfassend angelegtes Buch, das nicht nur durch den gegenwärtigen Zerfall der Staatlichkeit in mehreren afrikanischen Ländern brennende Aktualität beweist.

H. H.

Senghaas, Dieter: Wohin driftet die Welt. Über die Zukunft friedlicher Koexistenz. Frankfurt/M.: Surkamp, 1994.2495., DM 19,80/sFr 18,20/ös 155