Die deutschen Universitäten sind" verrottet", und die Studenten" wissen fast alles und können fast nichts". Diese und ähnliche Zitate führt Schily an, um die paradoxe Situation an den Hochschulen aufzuzeigen: Der Staat, der eigentlich eine freie und effektive Ausbildung ermöglichen sollte, verhindert bzw. erschwert diese. Da sich die Planwirtschaft in unserem Bildungswesen von der östlichen Planwirtschaft nur dadurch unterscheide, daß sie in die freie Marktwirtschaft eingebettet sei, fordert er die Entstaatlichung des Bildungswesens durch Überführung der Universitäten in selbständige, auch von der Wirtschaft unabhängige Einrichtungen, was zur Entmonopolisierung und zu mehr Eigeninitiative und Eigenverantwortung führen würde. Obwohl die Position des Autors klar ist, kann man ihm keine einseitige Argumentation und mangelnde Objektivität vorwerfen. Interessant ist auch der ausführliche Exkurs in die Geschichte der deutschen Universitäten zwischen Humanismus und Aufklärung, materialistischer und romantischer Weltanschauung. Mit der ersten freien Privathochschule Witten/Herdecke, deren Mitbegründer und Präsident Konrad Schily ist, wird uns ein Bild von einer Universität als Ort angewandter Demokratie vor Augen geführt. Attraktiv erscheint dabei die hohe Praxisnähe und das „studium fundamentale", das durch Vermittlung von breitem Wissen zu Beginn des Studiums eine allzu einseitige Spezialisierung verhindern soll.  Ob die in diesem Buch vorgestellten Ansätze die einzigen Alternativen zu Bürokratismus, unverhältnismäßig hohem Verwaltungsaufwand, Verschulung, hoher Studiendauer usw. sind, oder ob es gelingt, die Befürchtungen der Gegner (Elitenuniversitäten, Privatisierung der Hochschulausbildung, "Wildwuchs unternehmerischer Freiheit", fehlende Chancengleichheit) zu entkräften, sei dahingestellt. Notwendig bleibt, sich mit unkonventionellen Ideen, wie sie hier vorgestellt werden, auseinanderzusetzen. B. Ö.

Schily, Konrad: Der staatlich bewirtschaftete Geist. Wege aus der Bildungskrise. Düsseldorf: Econ-Verl., 1993. 227 S., DM 48,- / sFr 40,70/ öS 374,40