Die mitteleuropäische Forstwirtschaft versteht sich in schwellendem Eigenlob gerne als Vorbild für das Wirtschaftsmodell der Nachhaltigkeit, als die beste Hüterin des Waldes. Gibt es denn nicht mehr Wald als früher? Könnte sich die Dritte Welt nicht ein Beispiel an unseren Forsten nehmen? Wird nicht für uns alle der sterbende Wald vom unerschrockenen Forstmann wacker und aufopfernd gegen die schleichende Vergiftung aus der Luft verteidigt, so gut wie es nur geht? Im Bildband "Kein schöner Wald - Eine vergleichende "Fotodokumentation" wird eben dieser Niedergang anhand von Vergleichsaufnahmen erschreckend deutlich belegt. Die grünen Lungen zerfallen buchstäblich, die Tanne starb längst, die Eiche stirbt. Und vieles wird mitgerissen. Wir sind mit dem Sterben des Waldes besser fertiggeworden als dieses im Grunde so belastbare Ökosystem ... Wir schützen uns dadurch, dass wir es einfach nicht mehr zur Kenntnis nehmen. In mehreren Aufsätzen wird nach dem Bildteil auf die Folgen dieser Tragödie eingegangen und - zum wievielten Male eigentlich - Abhilfe gefordert.


Aber beschreibt man mit dem Waldsterben tatsächlich die gesamte triste Waldwirklichkeit? Wohl nicht! Ist denn der heimische sortenrein gehaltene Altersklassenwald, wie er uns heute schon aus jeden Bauernwald heraus anlacht, nicht längst ein Zerrbild dessen, was Wald sein eigentlich heißt? Der Waldweg konnte ja noch, ohne allzuviel zu verlieren, zur Forststraße werden. Aber andere haben den Sprung nicht geschafft. Der Waldkauz ist kein Forstkauz geworden, sondern er musste vor der Einseitigkeit der Verfichtung emigrieren - auf die Rote Liste der bedrohten Arten, die sich - Fluch einer kurzzeitökonomischen Ausrichtung der wirtschaftlich trotzdem nicht erfolgreichen Forstbranche - zu immer höheren Prozentsätzen aus Waldbewohnern rekrutiert. Bode und Hohenhorst skizzieren in ihrem Buch "Waldwende " jedenfalls kein Spiegelbild dessen, wie sich der Forstmann gerne sieht, sondern ein unretuschiertes und makelhaftes, ein sehr realistisches, das gut untermalt wird mit historischen Betrachtungen und aktuellen Beispielen. Und sie zeigen neue, alte Wege auf, wie man dem Wald zu mehr ökonomischer und ökologischer Stabilität verhelfen könnte. Das Buch bietet einen guten Überblick darüber, was der Wald war und was er sein könnte. Auch dem einfachen Waldkonsumenten sei die Lektüre angeraten, weil sich ihm dabei offenbaren könnte, dass auch er mehr Verpflichtungen gegenüber dem Wald hat als die bloße Entrüstung über das Waldsterben.

WH.

Bode, Wilhelm; Hohnhorst, Martin v.: Waldwende. Vom Försterwald zum Naturwald.

München: Beck, 1994. 198 S. (Beck'sche Reihe; 1024) DM 22,- / sFr 18,70/ÖS 177,60

Hamburger, Sylvia; Baumeister, Ossi; Zängl, Wolfgang: Kein schöner Wald. Eine vergleichende Fotodokumentation.

München: Raben-Verl., 1993. 7435., DM 34,-/sFr 37,30/öS 265