Dietmar Zierer ist amtierender Landrat des Landkreises Schwandorf. Er war im "Kampf um Wackersdorf nicht nur als Politiker beteiligt, sondern in entscheidenden Momenten auch als Betroffener vor Ort. Schonungslos dokumentiert er im vorliegenden Buch den "radioaktiven Zerfall der Freiheit". der mit der Sicherheit einer solchen Anlage einhergeht. Es werden Hintergründe aufgedeckt, von denen man sonst nur vom Hörensagen weiß. Für Zierer sind die Freiheitsbeschränkungen in der Umgebung von Wackersdorf sichtbares Zeichen, wie man versucht, die WAA trotz besseres Wissen durchzuboxen. Seine engagierte Chronologie des Widerstandes gegen das Großprojekt "Wiederaufbereitung" beweist die von A. Roßnagel 1983 aufgestellte These von der Vorverlegung der Sicherheitslinien. Indem der Staat die Sicherheitslinie über den Objektschutz hinaus vorverlegt, ist es ihm möglich, potentielle Täter und Tätergruppen frühzeitig zu erkennen. . Am Anfang standen nur Verdächtigungen und Beschimpfungen. So nannte Franz Josef Strauß die WAA-Gegner bei einer Kundgebung "apokalyptische Narren (der) eigenen Dummheit". Die Verordnung des zwischenmenschlichen Umgangs zeigt sich zu Beginn also v. a. in der Sprache. Das betrifft Befürworter und Gegner gleichermaßen. „Jeder versucht, im Zweifel noch eins draufzusetzen. Ich schließe mich hier, bei Gott, nicht aus. Eine Seite trägt die Eskalierung der anderen Seite mit bei.“ Der Zerfall der Freiheit zeigt sich auch im Einsatz von CS-Gas, der Freigabe von Gummigeschossen, Razzien, Verhaftungen, Bespitzelungen und Agenten, die als Provokateure in bestimmte ”Szenen" eingeschleust werden. Spaltprozesse haben sich in den Parteien, der Familien, der Religionsgemeinschaften, der Kommunalpolitik ereignet. Der Zerfall zeigt sich auch im Gesetzesbereich, etwa durch Änderung der Verwaltungsgerichtsordnung und durch Einflußnahme im Justizbereich seitens der Staatsregierung. Auch die führenden Persönlichkeiten des Widerstandes waren seit 1~82 vielfältigen Repressionen ausgesetzt. Die von Zierer angeführten Beispiele "legaler Illegalität" zur Zerschlagung des Widerstandes werden sich hoffentlich bald als letztendlich weniger wirksam erweisen als der Widerstand selbst. Er ist, so Zierer am Schluß "bis zur endlichen Aufgabe von CSU und DWK - eine unendliche Geschichte".

Das Ende der WAA Wackersdorf ist - so scheint es unwiderruflich beschlossen, auch wenn Bundesminister Töpfer noch kürzlich die Lösung in einem Zwischenlager Wackersdorf und der Wiederaufarbeitung in La Hague. In einem Artikel in den VDI Nachrichten heißt es dazu: "Wenn Wackersdorf fällt oder nur als Konditionierungsstätte und Zwischenlager gebaut wird, dann ist das für die Lobby der Einstieg in den Ausstieg aus der Kernenergie. (.. .) Immer schwieriger wird es für die Bundesregierung, an ihrem Kernenergiekurs festzuhalten. Die neue Dimension in den Konflikten: Nicht die Gegner machen mobil, sondern die Energiewirtschaft selbst. (Peter, Michael: " Ich bin mit meinem Latein am Ende ". Atomgesetz gibt Verwertung, nicht Endlagerung Vorrang. In: VDI Nachrichten. 1989, Nr. 17, S. 3) Wie es aussieht, bietet dieses Buch eine aktuelle zeitgeschichtliche Bilanz, ist der Widerstand gegen die WAA eine lange Geschichte mit glücklichem Ausgang.

 

Zierer, Dietmar: Radioaktiver Zerfall der Freiheit. "WAA Wackersdorf". Burglengenfeld: Lokal-Verlag, 1989. 318 S.