Täglich werden 60 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre geblasen, 50 Hektar Tropenwald vernichtet und 200 000 Tonnen Fische den Meeren entnommen. Das verfügbare Ackerland nimmt aufgrund von ökologischer Degradation pro Tag um 20.000 Hektar ab. Zugleich sterben jeden Tag bis zu 100 Tier- und Pflanzenarten aus. Eine in der Tat bedrohliche „Tagesbilanz der Umweltzerstörung“.

Mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit soll deutlich gemacht werden, dass wir mit einem Weitermachen wie bisher die Tragfähigkeit des Planeten in rasendem Tempo zerstören. Maßzahlen wie das Bruttosozialprodukt oder die Steigerung des Wirtschaftsoutputs spiegeln nicht nur den realen Wohlstandszuwachs nicht befriedigend wieder, sie lassen auch die ökologischen Zerstörungen außen vor. Indikatoren für nachhaltige Entwicklung sollen nun die ökologischen, sozialen und ökonomischen Auswirkungen unseres Wirtschaftens messbar machen und ein umfassenderes Bild von Entwicklung und Lebensqualität geben als dies die herkömmlichen Parameter tun.

Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hatte zu einer Diskussion über solche Indikatoren geladen. Die Ergebnisse sind im vorliegenden Band zusammengefasst. Der Herausgeber, Peter Bartelmus, gibt zunächst einen kritischen Vergleich bestehender Indizes für nachhaltige Entwicklung, wobei er eine umweltökonomische Gesamtrechnung (UGR), die analog der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) die Kosten des Narturkapitalverbrauchs (Ressourcenentzug, Belastung der Umwelt als Senke) mit einbezieht, als sinnvollste Perspektive herausstellt. Bei allen Schwierigkeiten der Monetarisierung von Umweltkosten kommt er auf 133 Mrd. DM jährlicher, derzeit nicht berücksichtigter Umweltschäden für Deutschland, während die Kosten zu ihrer Vermeidung auf knapp 60 Mrd. DM geschätzt werden.

In den folgenden Beiträgen werden unterschiedliche Aspekte der Messbarkeit der drei Säulen der Nachhaltigkeit - der ökonomischen, der sozialen und der ökologischen - diskutiert. Hartmut Bossel etwa plädiert aus systemanalytischer Sicht für ein umfassendes, die Bereiche Infrastruktur, Wirtschaftssystem, Sozialsystem, persönliche Entwicklung, Staat/Verwaltung sowie Umwelt/Ressourcen abdeckendes Indikatorensystem und verweist dabei auf die Stadt Seattle, für die 42 Indikatoren erstellt wurden (Näheres s. iisd.ca.about/prodcat/perfrep.htm. Paul Klemmer vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung lenkt die Aufmerksamkeit auf das sogenannte „Realkapital“ , das er ökonomisch v.a. in der Qualität der Infrastrukturen, ökologisch in nicht substituierbaren Ressourcen wie Fläche, Boden, Deponiekapazität und sozial in „kulturellen Prägungen“ wie Selbstständigkeit, Wettbewerbsfähigkeit, aber auch Langfristverantwortung ausmacht.

Während mehrere Autoren gerade die Quantifizierbarkeit sozialer Nachhaltigkeit skeptisch beurteilen, zeigt Gerhard Bosch vom Institut Arbeit und Technik Gelsenkirchen, dass es bereits differenzierte Indikatoren gibt, mit denen die Zusammenhänge von Beschäftigungsgrad und Bildungsniveau, Einkommensverteilungen, Armut und Kriminalität ebenso wie die Auswirkungen von Forschungsausgaben auf die Arbeitsproduktivität (BSP/Arbeitsstunde) und die Wirtschaftsentwicklung gemessen werden können. So wird in den USA bedeutend länger gearbeitet als in den meisten europäischen Staaten. Kurze Arbeitszeiten können aber, so Bosch, ebenso wie die tatsächliche Wahlfreiheit zwischen Erwerbsarbeit und Nichterwerbsarbeit ein wichtiger Indikator für die Wohlstandsentwicklung eines Landes sein. Eine hohe Beschäftigungsquote allein sei daher kein Gradmesser für soziale Sicherheit und Lebensqualität. Produktivitätsfortschritte sowie die Zunahme der Erbvermögen würden auch die Rentenproblematik entdramatisieren.

Wohltuend sind die Warnungen von Arno Gahrmann vor dem Irrglauben, dass Wirtschaftlichkeit und Wohlstand auf Kosten und Gewinn reduziert werden könnten. Die „Fixiertheit auf Produkte statt auf Leben“, von denen der Kosten- und Gewinnbegriff ausgehe, seien - so der Experte für Finanz- und Rechnungswesen der Hochschule Bremen - nicht geeignet zur Beurteilung der „Zukunftsfähigkeit lebendiger Gemeinwesen“. H. H.

Wohlstand entschleiern. Über Geld, Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit. Hrsg. v. Peter Bartelmus. Stuttgart (u. a).: Hirzel, 2001. 144 S.; DM / sFr 36,- / öS 263,-