Nachhaltigkeit ist zu einem Standardbegriff der Umweltdebatte avanciert, der von vielen in vielerlei Absichten verwendet wird. In den vorliegenden 15 Beiträgen wird den sozialen Aspekten der Nachhaltigkeit im „Gesellschaft-Natur-Verhältnis” nachgegangen. Marina Fischer-Kowalski skizziert zunächst Möglichkeiten und Grenzen einer Entkoppelung von Lebensqualität und Stoffwechsel (In der Agrargesellschaft betrug der Pro-Kopf-Jahres-Energieeinsatz ca. 65 GJ, der Materialeinsatz ca. 4 t , jener der Industriegesellschaft wird mit 223 GJ bzw. 20 t veranschlagt), um dann die grundsätzliche Frage nach der politischen Steuerung von Lebensstilen im Dreieck von Zwang, Normen und Verführung zu stellen.

Da Zwänge und Normen kaum auf Mehrheiten rechnen könnten, Verführung aber als Terrain der Wirtschaft besetzt ist, plädiert die Sozialwissenschaftlerin für etwas dazwischen Liegendes, das sie mit „geänderten Gelegenheitsstrukturen” bezeichnet. Diese reichen von der ökologischen Steuerung der Marktpreise über eine entsprechende Gestaltung der Raumstrukturen (dazu enthält der Band auch einen interessanten Beitrag über regionales Wirtschaften) bis hin zu einer neuen Arbeitszeitpolitik („Zeit statt Einkommen”), welche die ökologieunverträgliche Konsumspirale durchbrechen helfe. Die Reflexion neuer Wohlstandsbilder und Arbeitsmodelle sind Thema auch weiterer Beiträge (Hildebrandt, Pichl, Littig). Christoph Spehr, Autor des Bestsellers „Die Ökofalle”, kritisiert den moralischen Nachhaltigkeitsdiskurs der „neuen Bescheidenheit”, der den technischen, wissenschaftlichen und militärischen Apparat der nördlichen Industrieländer nicht antastet. Als linke ökologische Perspektive kommt für ihn allenfalls eine politische Weiterentwicklung des Subsistenzansatzes in Frage. Elmar Altvater lenkt die Aufmerksamkeit vom Nachhaltigkeitsdiskurs auf den Zusammenhang von Geld, Zins und fossilen Energieträgern sowie die globale Finanzkrise, die für ihn ein eklatantes Politik- und Marktversagen darstellt.

Für die Zukunftsforschung von Interesse ist schließlich der von Fritz Reusswig vorgestellte „Syndrom-Ansatz” zur besseren Beschreibung und Modellierung des globalen Wandels, der feststellbare Trends zu „Mustern problematischer Mensch-Natur-Interaktionen” verknüpft. Die so erfaßten „Syndrome” - bislang wurden weltweit 16 davon identifiziert („Sahel-Syndrom” , „Grüne Revolution-Syndrom” , „Favela-Syndrom” usw.) -  werden als Frühwarnsysteme zur Verhinderung ökologisch-sozialer Katastrophen gesehen und sollen frühzeitige Gegensteuerung ermöglichen.

HH

Ökologie und soziale Krise. Wie zukunftsfähig ist die Nachhaltigkeit? Hrsg. v. Beate Littig. Wien: Verband Wiener Volksbildung, 1998. 279 S. DM 24,- / sFr 22,-