
Hanno Sauers „Klasse – Die Entstehung von Oben und Unten“ wird in vielen Leitmedien gefeiert. Sauer beschreibt Klassenunterschiede als Statushierarchien, die sich vor allem symbolisch reproduzieren. Ungleichheit erscheint dabei als etwas, das man moralisch problematisch finden kann, das aber nicht grundlegend veränderbar sei – wir müssten lernen, „mit ihr zu leben“ (S. 217). Klassismus gilt ihm als die prägendste Form sozialer Ungleichheit, teilweise sogar wichtiger als Rassismus, Sexismus oder Ableismus. Theoretisch stützt er sich auf Thorstein Veblens Idee des demonstrativen Konsums, auf Bourdieus Kapitalformen und auf konservative philosophische Anthropologen wie Gehlen oder Plessner. Der Grundgedanke ist klar: Statuswettbewerb und Hierarchien seien tief im Menschen verankert und daher gesellschaftlich kaum aufhebbar.
Sind soziale Hierarchien überhaupt vermeidbar?
Das Buch ist übersichtlich aufgebaut und gut lesbar. Nach einem historischen Überblick über Theorien sozialer Ungleichheit analysiert Sauer Mechanismen der Abgrenzung wie Geschmack, Habitus, teure Statussymbole und moralische Haltungen. Er zeigt, wie diese Statusspiele im Alltag, in Organisationen und am Arbeitsplatz funktionieren, wie sie Zugehörigkeit herstellen und gleichzeitig Ausschlüsse produzieren. Am Ende stellt er die Frage, ob soziale Hierarchien überhaupt vermeidbar sind – eine Frage, die das Buch eher skeptisch beantwortet.
Im Zentrum steht die Übertragung der Signaltheorie aus der Verhaltensbiologie auf gesellschaftliche Prozesse. Wie Pfauen mit ihren Federn sollen Menschen durch „teure“ und schwer zu fälschende Signale Attraktivität, Kompetenz oder Zugehörigkeit anzeigen. Die Analogie ist anschaulich und unterhaltsam, hat aber problematische Folgen. Sie verwischt den Unterschied zwischen Verhalten und bewusstem Handeln und ersetzt Geschichte, Konflikt und Macht durch biologische Muster. Soziale Ungleichheit erscheint dadurch naturalisiert, also als etwas quasi Naturgegebenes, das sich politischen Eingriffen entzieht.
Zwar räumt Sauer selbst ein, dass man evolutionäre Psychologie kritisch sehen muss, hält den biologischen Rahmen aber dennoch für aufschlussreich. Besonders deutlich wird das an seinem Umgang mit Religion: Glauben und Rituale deutet er als teure Signale, die Eintrittsbarrieren schaffen und soziale Ordnung stabilisieren. Was ihm dabei „absurd“ erscheint (S.57), war für Gläubige früherer Zeiten jedoch keineswegs absurd. Dass religiöse Praxis historisch wandelbar ist und eng mit Macht, Herrschaft und materiellen Bedingungen zusammenhängt, bleibt dabei unterbelichtet.
Sauer diagnostiziert zudem eine „neue Aretokratie“ (S. 117), eine Gruppe, die Status über moralische Selbstdarstellung gewinnt. Das erinnert an die Debatte um die „Professional-Managerial Class“ (PMC), ein Milieu, das sich über kulturelles Kapital, Bildung und progressive Sprache definiert. Während linke Theorien hier ein widersprüchliches Zusammenspiel von Wissen, Moral und Macht erkennen, wird die Analyse bei Sauer zunehmend ironisch gebrochen: Klassismuskritik selbst erscheint als Statussymbol. Als Angehöriger der Oberschicht erklärt er die feinen Codes sozialer Distinktion – die Perspektive der unteren Klassen bleibt dabei auffällig blass.
An mehreren Stellen zeigt sich zudem eine deutliche Distanz zur materiellen Realität sozialer Ungleichheit. Wenn Sauer behauptet, eine 15-Stunden-Woche reiche heute für den Lebensstandard der 1930er Jahre, oder Prekarität als bloßen Effekt gesteigerten Statuswettbewerbs beschreibt, erscheint Armut nicht als strukturelles Problem, sondern als Wahrnehmungsfehler. Ökonomische Zwänge, steigende Mieten oder unsichere Arbeitsverhältnisse treten hinter psychologische Deutungen zurück.
Trotz seiner unterhaltsamen Schreibweise und vieler treffender Beobachtungen bleibt „Klasse“ in zentralen Punkten problematisch. Indem soziale Hierarchien als evolutionär geprägte Signale dargestellt werden, erscheinen sie nahezu unveränderlich. Das ist politisch folgenreich: Wenn Ungleichheit als unvermeidbar gilt, verschwindet die Verantwortung von Gesellschaft und Politik. Sauers Analysen von Statusspielen und moralischer Selbstinszenierung sind oft klug und amüsant – tragen aber eher zur Stabilisierung bestehender Machtverhältnisse bei, als sie grundlegend infrage zu stellen.








