Wie läßt sich der in letzter Zeit viel diskutierte Begriff des Chaos in Begriffe wie Imagination, Kreativität und Evolution eingliedern und welche neuen Dimensionen wissenschaftlichen Denkens lassen sich daraus gewinnen? Der Mathematiker Abraham, der Ethnologe McKenna und der Philosoph und Biochemiker Sheldrake - alle in ihrem Bereich anerkannte Wissenschaftler-versuchten dieser und weiteren Fragen bei einem viertägigen Treffen in Kalifornien näherzukommen. Die erste Hälfte des Titels beschäftigt sich mit dem Verhältnis der Begriffe Chaos, Kreativität und Imagination. Sheldrake bezieht sich stark auf seine vieldiskutierte These des durch morphogenetische Felder vermittelten Gedächtnis jedes Organismus. Er sieht evolutive Veränderungen nicht als bloßes Zufallsprodukt. sondern als Produkt "einer in der Natur wirkenden Imagination", die in solchen Feldern potentiell gespeichert wird. McKenna versteht die Evolution als eine auf einen kosmischen Attraktor zustrebende Entwicklung, die in ihrem Verlauf immer größere Komplexität aufweist. Abraham identifiziert das" Unbewußte Gaias". das in seiner Beschreibung der Ideenwelt Platons sehr ähnelt, mit "einer anderen Ebene, die (. ..) keine Form, sondern den Ursprung der Form, die Energie der Form, die Urform der Form enthält. Die drei Autoren kommen so zu sehr abstrakten Synthesen der drei Begriffe. An diese Gespräche schließen sich noch weitere über" Die Resakralisierung der Erde" und "Das Licht und der Sehvorgang" an, in denen die Autoren verschiedene Standpunkte aus den vorangegangenen Thesen entwickeln. Daher ist die erste Hälfte des Buches wesentlich inhaltsreicher und komplexer als die zweite. Es wird eine Vielzahl neuer Ideen und Anregungen geliefert, die jedoch ohne die Vorkenntnis z. B. von Sheldrakes "Das schöpferische Universum" oder "Das Gedächtnis der Natur" nur schwer faßbar sind. Ein Buch, das neue und interessante Verbindungen zwischen bereits bekannten Schlagwörtern wie Chaos, Weltseele oder Gaia-Mythos knüpft und diese auch kontrovers beleuchtet. Leider ist die Provenienz der äußerst innovativen Ideen, die McKenna, Abraham und vor allem Sheldrake äußern, nicht immer klar erkennbar. So scheinen die Autoren auf weiten Strecken ihres Buches komplexe Zusammenhänge aus oberflächlicher Beschäftigung mit Physik, Mathematik und Religion zu konstruieren. D. F.

Sheldrake, Rupert; McKenna, Terence; Abraham, Ralph: Denken am Rande des Undenkbaren. Über Ordnung und Chaos, Physik und Metaphysik, Ego und Weltseele. Bern: Scherz, 1993