Der Publizist Heleno Sana hat sich bisher als scharfzüngiger Kritiker des marktwirtschaftlichen Systems in zahlreichen Veröffentlichungen "Das Ende der Gemütlichkeit" (1992) oder "Die verlorene Menschlichkeit" (1994) einen Namen gemacht. Als gebürtiger, in Deutschland lebender Spanier reizt ihn natürlich auch "das Deutsche von innen'; niedergeschrieben in "Die Deutschen - zwischen Weinerlichkeit und Größenwahn" (1995). Im vorliegenden Buch vertritt er die These, daß der Mensch nicht im Zustand der Selbstentfremdung und Selbsterniedrigung verharren muß, sondern sich selbst daraus befreien kann.

Notwendig sei dazu eine intensive und radikale Auseinandersetzung mit den Grundlagen der liberal-kapitalistischen Ideologie, obwohl diese nur die auffallendste Erscheinung der Krise, allerdings mit tieferliegendem Ursprung, ist. Seine Kritik geht deshalb von der ethisch-philosophischen Dimension des Systems aus. Wir sind heute seiner Ansicht nach weit von einer solidarischen Weltgesellschaft entfernt. Die Ursache dafür sieht er in erster Linie im Versagen der politischen Oligarchie, von der er keinen vorausblickenden und aufbaufähigen Beitrag zur Befreiung der Menschheit von Not, Entfremdung und Zerstörung erwartet. "Sie taugt nicht einmal für ein halbwegs effizientes Krisenmanagement:' (S. 184) Einen weiteren Grund für die Misere sei der Kapitalismus, der einem abstrakten und weltfremden Messianismus gleicht und der emanzipatorischen Idee entgegensteht.

Substantielle Richtungsänderungen erwartet Sana vor allem "durch Initiativen von unten": Schließlich ist es die soziale Dimension, die in Zukunft über das Ökonomisch-Politische gestellt werden müsse. Auf der Suche nach einem neuen Wertesystem versucht der Autor, gangbare Alternativen zu beschreiben. Bereits in der Antike, so Sana, war das zentrale Anliegen der Philosophie, den Menschen zur Tugend zu befähigen und seine guten Anlagen zu entfalten. Er will damit nicht behaupten, daß man sich an der Vergangenheit orientieren soll, denn "die Wiederaneignung des emanzipatorischen Fundus der Menschheit kann nur ihren eigentlichen Zweck erfüllen, wenn sie gegenwartsbezogen ist und Rücksicht auf die Strukturen, Herausforderungen und Probleme unserer Zeit nimmt" (S. 219). Die Entwicklung und breite Diskussion von Utopien wären seiner Ansicht nach eine solche Fortsetzung der Versuche, das Leben zu humanisieren und dadurch das Schicksal der Menschen erträglicher zu machen. Darüber hinaus glaubt er an die "Macht des Guten'; das sich letztlich im Sinne einer solidarischen Weltgesellschaft durchsetzen wird. Auch wenn man Sanas Vorstellungen vom Guten des Menschen nicht zu teilen vermag, bietet das Buch zahlreiche Anregungen.


A. A.

Sana, Heleno: Das Elend des Politischen. Düsseldorf: Patmos-Verl., 1998. 239 S., DM / sFr 39,80 / ÖS 291,-