Entgegen Ulrich Becks Befund von der „Risikogesellschaft“ gibt es in weiten Bereichen unserer Gesellschaft das Streben nach Risikominimierung, nach Versicherung gegen möglichst jede Art von Bedrohung, jüngst sogar gegen Aufstände, Entführungen und Verstaatlichungen. Andererseits ist ohne Risikobereitschaft nichts Neues zu gewinnen. Vor diesem Hintergrund hat die Zürcher Wochenzeitung „Die Weltwoche“ ihre letzte Ausgabe 1998 dem Schwerpunktthema „Risiko - Wagnis - Chance“ gewidmet und läßt darin Journalisten, Schriftsteller, Politiker, Künstler, Wissenschaftler, Aktivisten darstellen, wo es nach ihrer Ansicht mutige, kreative, zukunftsweisende Projekte und Entwicklungen gibt - und wo welche verschlafen werden.

Die Nobelpreisträgerin Jody Williams berichtet über ihre Kampagne gegen Landminen und schließt daraus: Friedenspolitik ist machbar. NGOs wie „Amnesty International“, „Ärzte ohne Grenzen“ oder „Greenpeace“ zeigen die Chancen von Bürgerengagement. Visionäre wie die serbische Soziologin Vesna Pesic, die palästinensische Friedensaktivistin Sumaya Farhat-Naser, der südafrikanische Selbsthilfeinitiator Joseph Makapan, der indonesische Schriftsteller Pramoedya A. Troer und viele andere zeigen Handlungsmöglichkeiten gegen Willkür, Armut und Rassenwahn. Auch Kunst und Kultur stehen in der Spannung von Risikobereitschaft und Erfolgsgarantie. So beklagt Wolfram Knorr, daß in Hollywood das Risikomanagement dominiert, Ludwig Hasler erörtert „Moral“ und „Geschmack“ als Instanzen der Risikobegrenzung, wogegen Ludmila Vachtova die Fahne der Kunst als Inkarnation des Risikos hochhält und Peter Rüedi am Beispiel Jazz darstellt, daß immer schon soziale, psychologische, ökonomische Außenseiter an der Wiege neuer Entwicklungen standen.

Ebenso heftig ist die Kontroverse in der Wissenschaft: der Nobelpreisträger und „Vater der Gentechnik“ Werner Arber hält es für unvermeidbar, daß Forscher Tabus berühren, für den Gentechnikkritiker Jeremy Rifkin hingegen ist mit der Gefahr der biotechnologischen Auflösung der Grenzen zwischen Pflanze, Tier und Mensch die höchste Alarmstufe angesagt. Der Atomphysiker Hans Bethe wendet sich gegen die Entwicklung physikalisch denkbarer neuer Waffen wie Röntgenlaser oder SDI-Projekte, der umstrittene australische Ethiker Peter Singer relativiert die Unterschiede zwischen dem Menschen und der übrigen Natur. Es muß Grenzen für die Wissenschaft geben, sagt etwa der US-Evolutionsbiologe Jared Diamond; Wissenschaft als einziges Mittel gegen Zukunftsangst sieht dagegen der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Hubert Markl. Einige Beiträge über die Tücken des Alltags, Risiko im Sport, über die Lebensziele von Behinderten und Missionaren, Aussteiger und Exzentriker runden die anregende, vielseitige und auch grafisch anspruchsvoll gestaltete Ausgabe ab.

W. R.

Schwerpunktheft „Risiko“. Die Weltwoche 66 (1998), Ausgabe 53 (31. Dez. 1998)