Nicht um "zufällige" Unfälle geht es in diesem aus einer Tagung der Evangelischen Akademie Mühlheim/Ruhr entstandenen Buch, sondern um jene Risiken, die wir als angeblichen" Preis" für Wohlstand und Fortschritt seit Jahrzehnten in Kauf nehmen (müssen). Thematisiert werden dabei nicht nur die Paradebeispiele für Risikotechnologien, Atomenergie und Gentechnik (der Physiker Peter Kafka etwa problematisiert den Begriff des" Restrisikos" in der Atomenergiedebatte, der Journalist Martin Hofmann die aktuellen Auseinandersetzungen über gentechnische Freilandversuche), sondern auch die schleichenden Angriffe auf Leben und Gesundheit etwa durch die "Produktion" von Umweltgiften. So weist der Arzt Till Bastian überzeugend nach, daß angesichts der Akkumulations- und Synergieeffekte der vielen durch Industrie und Verkehr freigesetzten Noxen nur mehr von ”Komplexkrankheiten" gesprochen werden könne, deren Ursachen wie Erscheinungsbilder sich nicht eindeutig festmachen lassen. Die gängige Grenzwerttoxikologie stoße daher immer öfter an ihre Grenzen und reduziere ihr Interventionspotential auf die Beruhigungspille. Die finanziellen Folgekosten unbedachten Handelns macht Sabine Csampai am Beispiel der Beseitigung krebserregender Bausubstanzen wie PCB aus öffentlichen Gebäuden sowie an Fahrverboten bei Ozonalarm deutlich. Die Münchner Grünpolitikerin ist überzeugt, daß auch bei Alarmstufe aufgrund der hohen volkswirtschaftlichen Kosten keine Sanktionen ausgesprochen würden. Sie sieht daher als einzigen Ausweg die generelle Überwindung der Abhängigkeit vom Auto. Aber auch (bislang) weniger beachtete Gefahren wie die Hormonwirkungen von Umweltgiften „Xeno-Östrogene", erörtert durch die Biologin Linde Peters), die "tödlichen Geschäfte mit gefälschten Arzneimitteln" für die Dritte Welt (Egmont Koch) sowie die Risikoanfälligkeit der Computergesellschaft (Ute Bernhardtj Ingo Ruhmann) werden thematisiert Christoph Bals problematisiert die Monetarisierung von Menschenleben am Beispiel der von Ökonomen durchgeführten Kostenabschätzungen einer Klimaerwärmung. Eine ganz andere Art von Risiko bringt Jose Lutzenberger ein, wenn er die Marginalisierung Tausender von Menschen durch die "einäugige Ökonomie" des Geldes am Beispiel seines Landes Brasilien darlegt. Der Band schließt mit Perspektiven für einen anderen Fortschritt: Friedrich Schuhmachers "Rückkehr zum menschlichen Maß" steht dabei ebenso Pate wie die "Ökonomie des Lebens" der Inderin Vandana Shiva. H. H.

 

Gewissenlose Geschäfte. Wie Wirtschaft und Industrie unser Leben aufs Spiel setzen. Hrsg. v. Antje Bultmann ... München: Knaur, 1996. 296 S., DM/sFr 15,90/öS 116,-