Wohl nur Wenige werden die Schule als Ort des Glücks empfinden oder in Erinnerung haben. Die Freude des ersten Schultags und der „Durst nach Wissen“ weicht in der Regel bald der Ernüchterung bzw. alltäglicher Routine: Über- oder unterforderte SchülerInnen, von immer neuen Vorschriften, der Diskussion um Bildungsstandards und „schwierigen Jugendlichen“ geforderte und oft überforderte LehrerInnen, die nicht selten auch mit gesellschaftlichen Vorurteilen zu kämpfen haben, sowie Eltern, die vor allem erwarten, dass „die Schule funktioniert“ und ihrem Sprössling in einer zunehmend rauen, konkurrenzbetonten Wirklichkeit den Weg zur Karriere ebnet, so stellt sich – zugegeben grob skizziert – die Institution Schule vorwiegend dar. Ein Eindruck, dem übrigens auch ein vom Autor des folgenden Buches eingangs zitierter empirischer Befund entspricht. Demnach wird Schule „als wichtiger Lebensraum gleich hinter der Familie“ genannt, „rangiert aber auf der Beliebtheitsskala gerade noch vor dem Besuch beim Zahnarzt“ (S. 9).

 

Für Ernst Fritz-Schubert – seit dem Jahr 2000 Leiter der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg – Anlass genug, nicht nur danach zu fragen, ob Schule da und dort zumindest „Glücksmomente“ bereithält, sondern sie mit Bezug auf Hartmut von Hentig grundsätzlich „neu zu denken“. Dabei sind klugen Gedanken in kürzester Zeit überzeugende und (auch andere) inspirierende Taten gefolgt.

 

Das vom Autor initiierte Projekt „Schulfach Glück“ will dazu beitragen, dass „Kinder ihre genetisch vorprogrammierte Neugierde spielerisch ausleben, mit Unterstützung ihnen zugewandter Menschen Dinge ausprobieren, Eigeninitiative entwickeln und stabile Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen“ (S. 22). Das klingt nach pädagogischer Selbstverständlichkeit, ist aber in Anbetracht der Tatsache, dass nach einer in Nord-rhein-Westfalen durchgeführten Erhebung aus dem Jahr 2004 bei Jugendlichen die Angst vor Schulversagen mit 22 Prozent noch vor der Sorge um Krieg oder schwere Krankheit in der Familie (18 Prozent) liegt, wohl keineswegs praktizierte Norm.

 

 

 

Glück ist lehr-, lern- und messbar

 

Glück, so der Autor, ist lehr- und lernbar, sofern es als Wunsch und als Hinführung zur und Einführung von „Lebenszufriedenheit“ verstanden wird. Und es lässt sich auch messen. Ruut Veenhoven, Soziologe an der Erasmus-Universität in Rotterdam, etwa arbeitet an einer „world data base of happiness“, die 3000 Umfragen und 10.000 Studien zum Thema Glück umfasst und durchaus auch Kurioses zu Tage fördert: so ist die Weltbevölkerung durchschnittlich 67,5 Prozent ihrer verfügbaren Zeit glücklich und die Dänen sind mit 82 Prozent die glücklichsten Menschen (S. 49).

 

Was aber bietet und was leistet das „Schulfach Glück“? Von der Lebensphilosophie Viktor Frankels inspiriert und u. a. auf Erfahrungen des am „Wellington College“ - einer der teuersten Privatschulen Englands - angebotenen Faches „Well being“ aufbauend, hat Fritz-Schubert in Kooperation mit 12 KollegInnen und sechs außerschulischen ExpertInnen ein Curriculum erarbeitet, das nach Bewilligung durch das Kultusministerium von Baden-Württemberg erstmals im Schuljahr 2007/2008 an seiner Schule als Freifach angeboten wurde und in insgesamt fünf Modulen 80 Schulstunden umfasst.

 

Am ersten Durchgang nahmen dabei BerufsschülerInnen und GymnasiatInnen teil, um etwa gemeinsam die „Freude am Leben“ zu erkunden. Begleitet von einer Entspannungstrainerin und einem Diplom-Pädagogen wurde dabei der Frage „Wer bin ich, wo liegen meine Stärken und wie wirkt mein Handeln auf andere?“ in Form praktischer Übungen nachgegangen und derart Selbst-Wahrnehmung und -Wertschätzung gestärkt.

 

Die Unterscheidung von Selbst- und Fremdbild – SchülerInnen nehmen einander wahr, indem sie positive Eigenschaften ihres Gegenübers ansprechen – fördert das Selbstbewusstsein und stärken das Gemeinschaftsgefühl. Der Austausch von Momenten der Dankbarkeit steigert das Wohlbefinden, das durch die vertiefende Aufbereitung in Tagebuchform noch verstärkt wird. „Freude an Leistung“ wird durch die Erinnerung an wohltuende Emotionen (Gefühle, Klänge oder Gerüche) aber auch durch den Austausch über als positiv empfundene Werte wie Familie, Anerkennung und Leistung vermittelt und durch das Erlernen asiatischer Konzentrationsübungen (wie das „Hara-Prinzip“) gefördert.

 

Körperbetonte Übungen wie das Abschütteln eines „imaginären Hundes“ oder gemeinsames Lachen sind weitere Elemente dieser zugleich schul- und lebensnahen Pädagogik. Im Modul „Freude an der Bewegung“ werden motorische wie kognitive Fähigkeiten geschult oder die Einübung von „Flow“-Erlebnissen (etwa an einer Kletterwand) vermittelt, wobei die individuelle Herausforderung von den SchülerInnen selbst bestimmt und „nach eigenen Kräften“ bewältigt wird. Ein weiterer „Glücksbaustein“ ist dem „Körper als Ausdrucksmittel“ gewidmet. Dabei wurde u. a. ein Pausenraum zur „Bühne des Lebens“ umfunktioniert, auf dem nicht Konkurrenz-, sondern Vertrauensübungen durchgespielt wurden. So wird etwa ein Mitglied der Gruppe – wie Schneewittchen – in Kopfhöhe auf Händen getragen.

 

In einem weiteren Modul schließlich wurde praxisnah auf die Bedeutung der Ernährung als zentrales Element für umfassendes Wohlbefinden eingegangen. Von den SchülerInnen selbst erarbeitete Projekte (eine Schülerin setzte sich z. B. mit der Bedeutung des Marathons als persönliche Herausforderung und als Wirtschaftsfaktor auseinander) rundeten das Programm des ersten Schuljahres ab. Nicht zuletzt aufgrund des großen medialen Interesses zeigt das Projekt weit über Heidelberg hinaus Wirkung sowie Nachahmung und findet auch wissenschaftliche Anerkennung.

 

 

 

Schulfach Glück als Erfolg

 

An insgesamt sechs Schulen in der Steiermark wird seit diesem Jahr das „Schulfach Glück“ (darunter auch an Volksschulen) angeboten; und eine vergleichende Untersuchung des „Sozialkapital“-Experten Ernst Gehmacher hat ergeben, dass nach Abschluss des ersten Jahrgangs an der Heidelberger „Glücks-Schule“ 80 Prozent der KursteilnehmerInnen ihr Handeln als sinnvoll empfinden, während dies nach eigener Aussage nur auf 33 Prozent der übrigen SchülerInnen zutrifft.

 

„Als Ergänzung zum traditionellen Angebot“, so Ernst Fritz-Schubert zusammenfassend, „geht es vor allem darum, die in den Bildungsplänen geforderte Lebenskompetenz und Lebensfreude auch im Schulalltag stärker zu realisieren. Dabei sollen die Jugendlichen nicht nur einen Aktenkoffer mit Anleitungen zur Lösung von Lebenskrisen erhalten. Durch das Fach sollen sie vor allem befähigt werden, die guten Gründe für ein gelingendes Leben aus der Fülle der Möglichkeiten zu erkennen, sie anzunehmen und dabei Freude zu empfinden“ (S. 165). Das vielleicht stärkste Argument für den Wert des aufmerksamen und wohlwollenden Umgangs miteinander stammt von Amir, einem „Glücksschüler“: „Jetzt weiß ich, dass Edu ein ehrlicher Kerl ist, das hätte ich sonst nie erfahren.“

 

Man braucht kein Prophet zu sein, um zu erkennen, dass das „Schulfach Glück“ auch weiter Schule machen wird: Nicht von ungefähr wurde die Initiative im Wettbewerb „Deutschland - Land der Ideen“ 2008 (gemeinsam mit weiteren 365 Projekten) ausgezeichnet. Nachahmung dringend empfohlen. W. Sp.

 

Fritz-Schubert, Ernst: Schulfach Glück. Wie ein neues Fach die Schule verändert. Freiburg/Br.: Herder, 2009 (3. Aufl.), 189 S., € 16,95 [D], 17,45 [A], sFr 29,70

 

ISBN 978-3-451-29849-3