"Mitgefühl und Engagement", schreibt der lange Jahre in den USA lebende Kreativitätsforscher östereichischer Abstammung, "sind Fundamente der Liebe". Nicht weltfremde, mystifizierende Philosophie ist Anliegen des ehemaligen Mitarbeiters des "Center for the Study of Democratic Institutions" in Santa Barbara, sondern die Förderung einer kreativen, solidarischen Gesellschaft. Was ihr im Wege steht, sind "Erfolgsstreben, Perfektionismus, der Drang nach Aufstieg ... ", bürokratische Denkweise und vor allem die konventionelle Schule, "die den Fortschritt der Menschheit mehr behindert als gefördert" hat. Die "wirkliche Aufklärung" kann nach Mayer nur in einem geistigen Klima kultureller Vielfalt und der zwecklosen Förderung der Künste gelingen. Anstelle die Vergötzung von Technologie und steriler Sachlichkeit weiter zu fördern, gelte es, ein der politischen Kreativität und der sozialen Erfindung günstiges Umfeld zu schaffen, das gleichermaßen von persönlicher wie gemeinschaftlicher Kreativität geprägt ist. Etwas zu ausführlich gibt Mayer anhand ausgewählter Romane von Sinclair Lewis und Joseph Heller ein grob gerastertes Bild des "menschlichen Ödlands" der gegenwärtigen Zivilisation und stellt diesem Befund einige Beispiele vorbildhaften Denkens und Handelns gegenüber: Tschechow, Erwin Ringel, Camus, aber auch die "All Nations Foundation" (1926 zur Bekämpfung der Jugendkriminalität in Los Angeles gegründet) oder die ganzheitlich ausgerichtete Wilhelm-Schule in Texas werden als vorbildliche Projekte für eine bessere Zukunft ins Treffen geführt. Obwohl wir, wie Mayer eingesteht, über die Grundlagen kreativen Verhaltens noch sehr wenig wissen, gibt er eine Reihe konkreter Empfehlungen: Wer sich auf seine besten Fähigkeiten konzentriert, sich den Künsten gegenüber offenhält, sich dem Trott des Alltags widersetzt, Schreiben und Gedächtnis übt, den Dialog sucht und sich bemüht, ein "Symbol der Ermutigung" zu sein, ist auf dem besten Wege, sein Leben bewußter und kreativer zu gestalten. Wer erkennt, daß die Erziehung zu Frieden und Mitgefühl wichtiger ist als abstraktes Wissen, wird auch des Verfassers teils drastisch geäußerte Kritik des Erziehungssystems nachvollziehen können: Vor die Alternative "Umkehr oder Untergang" gestellt, ist das abschließende Postulat von geradezu existentieller Dimension: "Wir sollen Realisten mit einem Gefühl für Poesie und Träumer mit einem Gefühl für Realität sein." W.Sp.

Mayer, Frederick: Schöpferisch erleben. Wien (u.a.): Böhlau, 1992. 193 S., DM 39,80 I sFr 32,40 I öS 298