Editorial 2/1989 

In wenigen Monaten beginnt das letzte Jahrzehnt dieses Jahrhunderts. Das ist keine objektive Tatsache, sondern der dramatische Höhepunkt einer subjektiven Zeitrechnung, die von einem Ereignis der christlichen Religionsgeschichte bestimmt ist. Dennoch wird dieser verhältnismäßig kurze Zeitraum zwischen 1990 und 2000 vermutlich für die ganze Welt eine Rolle erlangen, die weit über seine quantitative Bedeutung hinausgeht. Wenn schon das „fin de siècle“ am Ende des neunzehnten Jahrhunderts so bedeutsam war, dann wird das „Ende des Milleniums“ die soziale und politische Psychologie vermutlich noch stärker beeinflussen, weil zu einem solchen besonderen kalendarischen Datum Außerordentliches erwartet wird. So erhoffen keineswegs nur die religiös und spirituell orientierten Geister überraschende Mirakel. Auch rationale und skeptische Zeitgenossen, wie zum Beispiel der gescheite Informatiker Joseph Weizenbaum, beschwören „Wunder“ herauf, die uns aus unserer schwierigen Lage retten sollen. Manche Entwicklungen der letzten Zeit geben denjenigen, die auf unwahrscheinliche Entwicklungen gehofft haben, scheinbar recht. Was Gorbatschow in Bewegung gebracht hat, wurde in der Tat von keinem pragmatischen Prognostiker erwartet. Im Rückblick lässt sich allerdings erkennen, dass es bereits seit Jahren Indizien für eine bevorstehende Wandlung der weltpolitischen Lage gab. Die negativen Wirkungen einer von der Rüstung vorangetriebenen weltweiten Industrialisierung wurden immer deutlicher. Nicht nur Kritik und Protest nahmen zu, sondern auch die Versuche es anders zu machen, eine grundsätzliche neue Orientierung zu suchen. Dieser Vorgang wird angeheizt von der Jahrtausend-Endstimmung in der kommenden Dekade, sich vermutlich verstärken und einen historischen Umschlag vorbereiten. Nicht das Ende der Welt, wohl aber das Ende einer begrenzten zivilisatorischen Epoche, die im 18. Jahrhundert begann, ist zu erwarten. Ein anderer, rücksichtsvollerer Umgang mit der Natur, besonders auch der menschlichen Natur, wurde notwendig. Welche neuen sozialen, wirtschaftlichen, technischen und vor allem geistigen Entwicklungen daraus resultieren, wollen wir aus dem Spiegel mannigfacher Publikationen so rechtzeitig wie möglich zu erkennen versuchen, damit unsere Leser nicht nur einen guten, vielleicht sogar überdurchschnittlichen Informationsstand gewinnen, sondern auch die Möglichkeit haben, sich an der Gestaltung der neuen Epoche wissend zu beteiligen. Wenn wir nicht einige längere Artikel veröffentlichen, sondern möglichst viele Kurzbeschreibungen neuerschienener Bücher und Aufsätze, so tun wir das in der Hoffnung, Übersicht in der großen Fülle des kürzlich Gedruckten zu erhalten. Es geschieht mit der Absicht, die Lesenden zu aktiven Mitdenkern zu machen, die selber zwischen den zahlreichen Anstößen Zusammenhänge herstellen und sich dann die (in einem der hier vorgestellten Bücher aufgeworfene) Frage vorlegen: „WELCHE ZUKUNFT WOLLEN WIR?“

In diesem Jahrzehnt der Entscheidungen sollten nicht nur einige Wenige mitreden und mitbestimmen, sondern möglichst viele Zeitgenossen. Sie wollen nicht mehr wie bisher „die Ereignisse auf sich zukommen lassen“, sondern an der Gestaltung ihres und aller anderer Schicksal aktiv beteiligt sein. Diese Sehnsucht ist heute weltweit bereits zu spüren. Soll sie Wirklichkeit werden, brauchen wir viele Menschen, die mehr Übersicht und Voraussicht besitzen als die Menschen des Jahrtausends, das nun zu Ende geht.