Editorial 2/1991

Dass die Menschheit vor einem Berg von Problemen steht, wussten wir. Jetzt können wir uns auch ein Bild davon machen, wie viele es sind und wie sie untereinander zusammenhängen. Das ist das vorläufige Ergebnis einer umfassenden Bestandsaufnahme, die von Mitarbeitern der „Union of International Associations“ (Brüssel) nun in einem zweibändigen Jahrhundertwerk präsentiert wird. Auf über zweitausend Seiten werden die Schwierigkeiten, mit denen wir, und vermutlich auch noch unsere Nachkommen, sich herumschlagen müssen, in 20958 Stichwörter präsentiert, die durch 11400 Querverweise miteinander verbunden sind. Das Werk ist eine Frucht der 1964 von James Wellesley-Wesley und seinen Freunden in London gegründeten Initiativgruppe „Mankind 2000“, die es sich zum Ziel setzte, bis zum Jahrtausendende durch Verbreitung von zukunftsverantwortlicher Information und Unterstützung oder Erfindung von Vorschlägen zur Lösung oder Linderung der sich zuspitzenden Zivilisationskrisen beizutragen.

Weshalb in diesem Zeitraum die Zahl der Schwierigkeiten nicht geringer wurde, sondern ständig stieg, ist ein Metaproblem, das durch diese umfassende Bestandsaufnahme aufgeworfen wird. Die Verfasser begnügen sich – im Gegensatz zu den ersten beiden Auflagen ihres Werkes – diesmal nicht mit der umfassenden Auflistung und Beschreibung der Probleme, sondern stellen sich intensiv die Frage, weshalb die Erkenntnisse über unsere Gefährdungen so wenig entschiedenes Handeln zu deren Beseitigung hervorgebracht haben.

Auf eine erstaunlich sachliche unemotionale Weise wird gezeigt, wie Machtlosigkeit, aber auch Zaghaftigkeit der Betroffenen mit daran schuld sind, dass „nichts weitergeht“. Andererseits wird einseitiges Denken, das auf zu simple, den komplexen Bedingtheiten der Probleme ungenügend Rechnung tragende Patentrezepte vertraut, für dieses Versagen verantwortlich gemacht.

Unaufdringlich wird der suchende Leser dieser Summe unseres Missvergnügens dahin geleitet, die Welt in ihren vielfachen Widersprüchen und deren Zustandekommen weit genauer als sonst zu erfassen und auch darüber hinaus Möglichkeiten und konkrete Anfänge von erfolgversprechenden Konzepten kennenzulernen. Anders als die Verkünder von Heilslehren weisen die Verfasser darauf hin, dass jeder Lösungsversuch neue und andere Probleme aufwirft und dass es keine überwältigende „positive Kraft“ gibt, die sich allein und eindeutig durchsetzt, sondern dass aus der nie aufhörenden Spannung zwischen Plus und Minus der Energiestrom entsteht, der durch stete Bemühung zu konstruktiven Zielsetzungen gelenkt werden sollte. Die Fülle von Erkenntnissen und Anregungen, die von diesen zwei Bänden ausgeht, sollte möglichst vielen Lesern zur Verfügung stehen. Der unvermeidbar hohe Preis (fast DM 1.000,-), den ein mutiger und verdienstvoller Verleger verlangen muss, stellt allerdings ein Problem dar, das wohl nur durch eine Unterstützung durch die öffentliche Hand zu lösen wäre. Wenn den politischen Instanzen wirklich daran gelegen ist, die Bürger mündig zu machen, finden sie hier ein unvergleichliches erzieherisches Instrument.