Die traditionelle "Umweltökonomie" kann nicht mit einer "ökologischen Ökonomie" gleichgesetzt werden, denn die herrschende Lehre der Nationalökonomie orientiert sich schon seit Jahrzehnten am falschen naturwissenschaftlichen Konzept, nämlich an der klassischen Mechanik. In der Mechanik spielt nämlich der Faktor Zeit nur die Rolle eines Parameters. Grundsätzlich sind daher - ähnlich wie mechanische Bewegungen - auch wirtschaftliche Vorgänge umkehrbar. Alle vergangenen und zukünftigen Zustände sind, dieser Logik zufolge, berechenbar und beliebig wiederholbar. Für irreversible Vorgänge in Wirtschaft und Gesellschaft ist in diesem methodischen Rahmen kein Platz, und schon gar nicht taugt er, wenn Aspekte der Umweltnutzung einbezogen werden, die ja durch Erschöpfbarkeit und zeitlich gerichtete Entwicklung gekennzeichnet sind.

Als Ausweg aus dieser konzeptionellen Sackgasse wird in mehreren Beiträgen das dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik entlehnte Konzept der Entropie diskutiert, worunter kurz gefasst die Tendenz zur "Entwertung der Energie" zu verstehen ist. Ein weiterer Kritikpunkt an der "mechanischen" Ökonomie ist ihr vom Ansatz her deterministischer Charakter. Denn ähnlich wie in der Biologie gibt es auch in der Wirtschaft keinen ex ante erkennbaren deterministischen „Königsweg" der Evolution. Entwicklung ist vielmehr stochastischer Natur, sie beruht auf Versuch und Irrtum. Die Entwicklungschancen für die Gesellschaft stehen dabei umso besser, je diversifizierter die Ausgangssituation ist, weshalb Diversität (Artenvielfalt, Vielfalt im ethnischen, sprachlichen sozialen, geistigen und kulturellen Bereich) zu fördern sei. So bestünden die größten Chancen, dass es in Wirtschaft und Gesellschaft zu "Selbstorganisationsprozessen" kommt. In der Systemtheorie werden so systemimmanente Triebkräfte bezeichnet, die einem auf der mikroskopischen Ebene (z.B. auf der Ebene einzelner Unternehmen) herrschenden chaotischen Zustand eine komplexe  makroskopische schaftsordnung)  Ordnungsstruktur geben können.  (z. B. eine Wirt-  Dieser interessante Einblick in die ökonomische Grundlagenforschung kommt zwar ohne mathematische Darstellungen aus, fordert dem Leser aber viel an Konzentration ab Sollten die dargestellten Konzepte in Wissenschaft und Politik auf Widerhall stoßen, so könnten sie in der Tat wichtige Bausteine einer ökologischen Ökonomie und einer ökologischen Wirtschaftspolitik werden. Doch auch hier scheint das evolutorische Prinzip zu gelten, dass es ebenso vieler Versuche und zahlreicher Irrtümer bedarf, um eine letztlich erfolgreiche Entwicklung einzuleiten.

W Sch.

Zwischen Entropie und Selbstorganisation. Perspektiven einer ökologischen Ökonomie. Hrsg. v. Frank Beckenbach ... Marburg: Metropolis, 1994. 395 S. (Ökologie und Wirtschaftsforschung; 9) DM 39,80/ sFr 36,60 / öS 311