Grundlegende Erklärungsversuche der Finanzkrise bietet der auf eine Ringvorlesung im Bereich Ökonomische Bildung an der Universität Kassel zurückgehende Band, der sich folgerichtig als Handreichung für die Politische Bildung versteht, angefangen von Überlegungen zur didaktischen Aufbereitung der Finanzkrise über ein Glossar der Fachbegriffe bis hin zu einer Materialliste für den Unterricht. Wohl deshalb werden zunächst einige Konzepte der Wirtschaftslehre und des Marktes oder das Preis-Mengen-Diagramm vorgestellt. Trevor Evans Beitrag „Verlauf und Erklärungsfaktoren der internationalen Finanzkrise“ eröffnet den analytischen Teil des Buches mit einer detaillierten Darstellung des Wiederaufstiegs des Finanzsektors in der Nachkriegszeit und dem konkreten Verlauf der Krise und deren Überwindung seit 2007. Auch er hält den Reallohnverlust für einen krisenverursachenden Faktor, denn dadurch wird wirtschaftliches Wachstum vom kreditfinanzierten Konsum oder vom Streben nach Exportüberschüssen abhängig.

 

Michael Heinrich sieht in den Krisen viel Erneuerungspotenzial für den Kapitalismus. Hansjörg Herr hingegen argumentiert, dass die einzige Chance in einer starken Regulierung des Finanzsystems bestehe, damit Kredite nicht wie bisher für spekulative Zwecke vergeben werden können. Brigitte Young und Helene Schuberth zeigen, dass die Krise nicht allein zu einer Verschärfung der Einkommensungleichheiten, sondern auch zu einer Zementierung und Verstärkung von Geschlechterhierarchien geführt hat. Nach ihrer Einschätzung verschärfe die Krise die ungleiche Lastenverteilung zu Ungunsten derjenigen, die für die Reproduktion der Gesellschaften Sorge tragen würden. Franziska Müller diskutiert Auswirkungen der und Antworten auf die Krise in den Ländern des südlichen Afrikas, während Christoph Scherrer in seinem Beitrag Machtverschiebungen innerhalb der Gruppe des Finanzkapitals aufzeigt.

 

Naturgemäß sehr positiv bewertet der Staatssekretär im Arbeitsministerium, Günther Horzetzky, die Antworten der Bundesregierung auf die Krise und spricht gar von einem „Wirtschaftswunder“. Wundern könnte man sich allerdings schon, wenn man die Meldungen zur Schuldenkrise in Europa, zu den drastischen Budgetkürzungen in den meisten Ländern und die Regulierungsunfähigkeit der EU oder über systemrelevante Großbanken, nicht aber über systemrelevante Bürger verfolgt. A. A.

 

Perspektiven auf die Finanzkrise. Hrsg. v. Christoph Scherrer … Opladen: Budrich, 2011. 213 S., € 19,90 [D], 20,50 [A] , sFr 33,80

 

ISBN 978-3-866-49332-2