Mit einem brillant geschriebenen Essay wendet sich der Autor, Professor für Anthropologie und Ethnologie an der „Ecoles des Hautes Etudes en Sciences Sociales" in Paris, in erster Linie an Fachkollegen, doch verdienen seine Überlegungen gewiss eine breitere Öffentlichkeit. Zunächst versteht es Auge mit einem zwischen fiktionaler Erzählhaltung und exakter Beobachtung oszillierenden Vorwort sein Thema plastisch vor Augen zu führen, indem er die Leser zu Beobachtern der Atmosphäre eines Großflughafens werden lässt.

Mit einem Rekurs auf die aktuelle Diskussion innerhalb seiner Disziplin vertritt Auge sodann die These, dass das eigentliche Terrain des Ethnologen (auch bei der Feldforschung im tiefsten Dschungel) immer die Nähe, die genaue Beobachtung des Hier und Jetzt sei. Im Zeitalter der „Übermoderne", die der Verfasser als vom Übermaß an Ereignis, Zeit und Raum gekennzeichnet sieht, ist indes eine drastische Reduktion von (anthropologischen) Orten, also jener Räume zu beobachten, in denen sich Menschen sozial, emotional und kulturell geborgen und zuhause fühlen.

Hingegen nehme die Zahl der "Nicht-Orte" wie Schnellstraßen, Autobahnkreuze, Flughäfen und dgl. ständig zu. Auge konstatiert die Omnipräsenz der Obdachlosigkeit und die (emotionale) Entfremdung in einer Welt, in der die Menschen ständig unterwegs sind, aber einander nicht näherkommen. Dabei geht es dem Verfasser nicht um ein (be)wertendes Urteil oder gar um Anklage; vielmehr ist er als kritischer Zeitzeuge exakter Beobachter auch des Verlusts an (individueller) Geschichte. Denn diese sei "möglicherweise dabei, sich zu ästhetisieren, während sie gleichzeitig entsozialisiert und artifiziell wird."

So "verwandeln unsere Städte sich zunehmend in Museen (herausgeputzte, angestrahlte Denkmäler, autofreie und Fußgänger-Zonen), während Umgehungsstraßen, Autobahnen und Hochgeschwindigkeitszüge sie ignorieren oder meiden helfen". Mit Blick auf die Notwendigkeit individueller Sinnfindung kommt Auge zu einem ernüchternden Ergebnis mit zweifelhafter Zukunftsperspektive: "Wir leben in einer Welt, die zu erkennen, wir noch nicht gelernt haben." Und: Auch das Denken der Politiker sei von Phänomen der "Nicht-Orte" erlasst. denn "diese fragen sich immer häufiger, wohin sie gehen, weil sie immer weniger wissen, wo sie sind."

W Sp.

Augé, Marc: Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit. Frankfurt/M.: S. Fischer, 1994. 141 S., DM 29,80 / sFr 27,40 / öS 233,-