Der Autor arbeitete zwei Jahre an einem Jugendzentrum in einem der schwierigsten Armenviertel der Hauptstadt Kolumbiens, Santafé de Bogotá. In dieser Zeit begann der organisierte Mord verwahrloster Jugendlicher, dem in diesem Viertel innerhalb weniger Monate 50 Menschen zum Opfer fielen. Gröbli verarbeitet in diesem Buch seine Erlebnisse. Er dokumentiert die „soziale Säuberung“ durch Aussagen und Hintergrundinformationen, er beschreibt die Lebenswelt der zur Zielscheibe gewordenen Jugendlichen und versucht, ihre Lebenseinstellung zu erklären.

Diesem abschreckenden und zugleich motivierenden Buch sollte sich jeder aussetzen, der als Entwicklungshelfer in vergleichbaren Milieus zu arbeiten gedenkt oder nach Kolumbien reist. Denn in jeder Hinsicht handelt es sich um den Bericht eines modernen Entdeckungsreisenden: Eingebettet in die persönliche Situation und Lebensphilosophie des Autors wird fesselnd von der Reise in eine ebenso geheimnisvolle wie erschreckende Welt erzählt.

Der Band stellt allerdings keine ethnologische Feldstudie dar. Er bietet weder eine Erklärung noch eine Bibliographie, weder Analyse noch Lösungsansatz. Hier und da spekuliert der Autor zwar, z.B. darüber, dass alle Slums der Welt zu einer Kultur zusammengefasst werden könnten, dass diese identisch sei mit der ältesten Kulturstufe der Welt und dass sie aufgrund ihrer Stabilität alle anderen Kulturen überleben werde. Da aber keine Begründungen für derartige Thesen gegeben werden, kann man mit etwas Wohlwollen über diese Holzwege hinweg wieder zur authentischen Abenteuererzählung zurückgelangen, denn darin liegt die Stärke des Autors. Das Theoriegebäude findet man an anderer Stelle, z.B. die Zeitvorstellung betreffend bei Johann Galtung. Erwähnt sei nur noch der ärgerliche Widerspruch im Gesamturteil, nach dem diese Kultur in der Einleitung als „spirituell reich“ (S.7) angepriesen, später jedoch als „kulturell und seelisch arm“ (S. 38) empfunden wird.

Leider setzt der Verlag seinen Autor der Kritik dadurch aus, dass er ihm einen gewissenhaften Lektor vorenthielt. So wird dem Leser das im Deutschen nicht existierende spanische Satzzeichen „¿“ gleich hundertfach zugemutet - oder handelt es sich dabei um einen stilistischen Ausdruck für Fremdheit? L. V.

Gröbli, Roland. Überleben im Großstadtdschungel.  Annäherung an die urbane Überlebenskultur. Frankfurt/M.: IKO-Verl.,7 2001. 134 S., DM 26,80 / sFr 25,- / öS 196,-