Rainer Mühlhoff

Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus

Ausgabe: 2026 | 3
Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus

In einer Gegenwart, in der, wie aktuelle Studien belegen, das Vertrauen in demokratische Institutionen schwindet, radikale Kräfte zunehmend als Teil des akzeptierten politischen Spektrums aufscheinen oder disruptive Strategien der Innovation als auch der rein wirtschaftlichen Verwertung zum dominanten Faktor des Digital Age zu werden drohen, erweist sich ein kritischer Blick auf die vielfältige Verbindung zwischen Technologie und Politik als unverzichtbar. Anhand der exemplarischen Betrachtung von Künstlicher Intelligenz (KI) und der (potenziellen) Ausbildung eines neuen Faschismus entwirft der Philosoph und Mathematiker Rainer Mühlhoff eine prägnante Auseinandersetzung mit besagten Verquickungen. Ausgehend von den aktuellen Entwicklungen in den USA stellt er die umfassenden, globalen Verflechtungen zwischen neuen rechten Bewegungen und „Tech-Eliten“ in sechs Kapiteln und einem Ausblick dar: Die Auseinandersetzung mit KI und ihren historischen Entwicklungen, den unterschiedlichen Wahrheitskulturen spezifischer KI-Modelle und  akademischen als auch öffentlichen Diskurs darüber wird von der überzeugenden These getragen, „dass das faschistoide Potential von Alt-Right-Politik aus ihrer Synergie mit elitistischen Tech-Ideologien erwächst“ (S. 11). Die drohende Konsequenz dieser vielfältigen Wechselbeziehung – die so unterschiedliche, miteinander auch im Widerspruch stehende Aspekte wie Transhumanismus, Techno-Optimismus, White Supremacy u.v.m. umfasst – ist für Mühlhoff ein neuer Faschismus, der sich technologische Neuerungen innerhalb der digitalen Gesellschaft im Sinne einer Schwächung oder gar Auflösung des Rechtsstaats zunutze macht und zugleich eine Loslösung aus dem Spiel demokratischer Kräfte vollzieht.

Desinformation, Täuschung und Kontrolle

Prinzipien der Entkoppelung identifiziert Mühlhoff eben auch in den dominanten Formen von KI-Anwendungen und dem generellen öffentlichen Diskurs über KI: Einerseits zeichnet er dabei die Kompatibilität von Technologie und der neuen Rechten nach, bei der KI vor allem als Instrument „zur Ansammlung, Sicherung und Ausübung von Macht und Kontrolle“ (S. 35) wirksam wird – und ein von Prinzipien der Wahrscheinlichkeit denn der Kausalität bedingter Wandel unseres Verständnisses von Information, Fakten und eben auch Wahrheit vorangetrieben wird. Andererseits belegt Mühlhoff auf breiter Quellenbasis die Präsenz einer Sprach- und Bildwelt von KI, in der sich realtechnologische Möglichkeiten und utopische bzw. apokalyptische Entwürfe derselben immer weiter voneinander entfernen. Der titelspendende neue Faschismus, der für ihn von historischen Themen wie Ungleichheit und Diskursverweigerung zehrt und sich anhand von Antidemokratie, Gewaltdisposition und machtbestimmtem Technologieverständnis erkennen lässt, verlangt nach politischen Lösungen und Bildungsarbeit: Mühlhoff sieht in der Isolation faschistischer Positionen, einem realistisch-aufgeklärten Diskurs über Technologie und einer stärkeren staatlichen Regulation von Innovation brauchbare und auch notwendige Instrumente, um dem sich ausbildenden neuen Faschismus zu begegnen. Die den Band bestimmende, wiederkehrende Forderung ist – wenngleich in Details auch auf Kosten notwendiger Differenzierungen – dementsprechend die Besinnung auf Gegenwart und (Geistes-)Gegenwärtigkeit.