Die Stadt, als "Ort der besonderen Lebensformen derer, die nicht in der Landwirtschaft tätig sind", ist ein knappes Wort für eine Vielzahl von Wirklichkeiten. Dennoch sind über diese allgemeine Bestimmung hinaus, aktuelle Probleme und Tendenzen auszumachen. Eine der zentralen Thesen beider Autoren ist, daß unsere Städte zweifach von Spaltung bedroht sind. Nach aussen stehen wenige wirtschaftliche Zentren (wie München und Stuttgart) vor einem neuen wirtschaftlichen Aufschwung und damit einer Mehrzahl von Metropolen gegenüber, deren ökonomische und soziale Strukturen für Siechtum und Niedergang verantwortlich sind. Neben dem geographischen Gefälle zeichnet sich eine innere Spaltung der Bevölkerung ab in jene, die an Arbeit und Wohlstand teilhaben und in die wachsende Zahl derer, die als Ausgeschlossene dazu verurteilt sind, ihr Leben am Rande der Gesellschaft zu fristen.

Ausgehend von einer Skizze der widersprüchlichen Entwicklungen der großen Städte zwischen Yuppie-Mentalität und Stadtflucht wird untersucht, inwieweit die neuen Medien eine Umkehrung der dominanten Tendenzen bewirken könnten. Die Polarisierung der (bundesdeutschen) Metropolen wird anschließend als Folge der Umstrukturierung industrieller Produktionsweisen faßbar gemacht. Ein knapper Blick auf die Geschichte der europäischen Stadt seit dem 11. Jahrhundert relativiert diese Entwicklung und mündet in eine umfassende Kritik aktueller Stadtpolitik, die fast ohne Ausnahme auf Wachstumsförderung mit allen Mitteln setzt. Die langfristig verheerenden räumlichen, sozialen und ökologischen Konsequenzen werden einer Politik gegenübergestellt, die sich "auf das Steuern und Schrumpfen einläßt".

In den letzten Kapiteln werden Perspektiven einer neuen Urbanität und Lebensqualität ausgelotet. Dabei wird die Vorstellung von der politischen und ökonomischen Einheit "Stadt" als Fiktion entlarvt: Als Standorte einer zunehmend international organisierten Wirtschaft sind Städte heute im Grunde austauschbar und mit ihrer Identität vielfach beraubt. Sollen sie ihre zentrale Aufgabe erfüllen, nämlich heute und in Zukunft das alltägliche Leben ihrer Bewohner in Einklang mit deren Wünschen zu organisieren, dann bedarf es einer Politik, die neben dem Blick auf das Wirkliche den Sinn für das Mögliche nicht verliert. Dieser Band, dem große Aufmerksamkeit zu wünschen ist, bietet dazu eine Fülle von Anregungen.

Häußermann, Hartmut; Siebei, Walter: Neue Urbanität. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1987.264 S. (Edition Suhrkamp; 1432) DM 18,- / sfr 15,10/ öS 140,40