Standen in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts vor allem produktionsorientierte Aspekte im Zentrum des Nachhaltigkeitsdiskurses, so rücken nun zunehmend Fragen der gesellschaftlichen Transformation nachhaltiger Entwicklungsprozesse in den Blick. Der hier vorgestellte Band, der die Ergebnisse des vom deutschen Wissenschaftsministerium (BMBF) von 2001 – 2005 geförderten Forschungsschwerpunkts „Möglichkeiten und Grenzen neuer Nutzungsstrategien“ dokumentiert, belegt diesen Paradigmenwechsel eindrucksvoll.

 

Im einleitenden Kapitel werden unter dem Titel „Nutzungsverlängerung“ drei Projekte vorgestellt. Zum ersten die Initiative „ecomoebel“, zu der Akteure aus Forschung und Handwerk im Raum Düsseldorf zusammengefunden haben, um auf Second-Hand-Basis renovierte, schadstoffarme Möbel anzubieten. Von „ReUse“, einem regionalen Netzwerk zur nachhaltigen Nutzung von Computern in Hamburg und Berlin wird im zweiten Beitrag berichtet. Nachhaltige Entwicklung, so der ambitionierte Ansatz, sollte dabei Aspekte wie Ressourcenschonung, die Förderung regionaler Ökonomie, den Dialog mit den NutzerInnen sowie „gute Arbeit“ (Employability, IKT-Kompetenz u. a. m.) berücksichtigen. Der Lebensverlängerung von Investitionsgütern, beispielhaft an einer landwirtschaftlichen Maschine erörtert, widmet sich ein weiterer Beitrag (wobei neben den „ökologischen Gewinnen“ vor allem der „soziale Mehrwert“ (etwa neue Kontakte zwischen Besitzer, Nutzern und „Renovatoren“) hervorgehoben wird. Dass durch die Dehnung der „Lebensdauer“ des im Zentrum des Berichts stehenden Kartoffelerntegeräts auch ökologisch positive Effekte nachweisen lassen, kommt hinzu. Langlebigkeit rechnet sich also mehrfach!

 

Dem im nächsten Abschnitt erörterten Aspekt „Nutzensintensivierung“ zuzuordnen ist u. a das Projekt ZUSOMO, das sich im Raum Münster die Förderung nachhaltiger Mobilität zum Ziel gesetzt hat. Auf der Basis standardisierter Interviews wurden dabei Mobilitätstypen (etwa „autozentriert“, „mobilitätsoptimiert“) erhoben oder Carsharing-Modelle im Bereich der Kommunalverwaltung erprobt. Ein anderes Projekt machte sich auf die Suche nach Chancen und Barrieren der Umsetzung nachhaltiger Konsummuster im Alltag. Dabei kam – wie in vielen anderen Zusammenhängen auch – Widersprüchliches zu Tage: etwa das grundsätzliche Interesse am Austausch von (Produktions)Gütern einerseits, andererseits der hohe Stellenwert, der mit persönlichem Besitz einhergeht und nachhaltigen Verhaltensmustern entgegensteht.

 

Dass es sich in gemeinschaftlich organisierten Wohnmodellen zwar nicht signifikant „besser“, aber doch Ressourcen schonender leben lässt, stellt ein weiterer Beitrag (auch anhand einer 17-teiligen Matrix zu „Mindestvoraussetzungen NE“, S. 112) eindrucksvoll unter Beweis. Beachtliche Einsparungspotenziale im CO2-Verbrauch (gemessen an den Bedarfsfeldern Wohnen, Ernährung und Mobilität) weist ein Vergleich gemeinschaftlichen Lebens in ausgewählten „Ökodorf“-Initiativen (Kommune-Niederkaufungen, LebensGut Pommritz u. a.) gegenüber dem nationalen Mittelwert der BRD aus. Vor allem durch Einsparungen in den Bereichen „Wohnen“ und „Mobilität“ kann die Umweltbelastung pro Person und Jahr auf fast 1/3 verringert werden (von durchschnittlich 8000 auf ca. 3000 kg).

 

Wie aber sind nachhaltige Konsummuster attraktiv vermittelbar? Dieser Fragestellung ist ein weiterer Abschnitt gewidmet. Darin wird u. a. von der Bereitschaft zu Tausch, Leihen und Verleihen in Nachbarschaftsnetzwerken berichtet: Das Verhalten von Männern und Frauen unterscheidet sich in dieser Hinsicht nur marginal und ist bei einem Wert von ca. 30 Prozent durchaus ausbaufähig! Vorgestellt werden aber auch Erfahrungen mit Kundenvermittlungsprogrammen – etwa dem Angebot einer „umwelt-plus-karte“ im Raum Heidelberg, für das während des Projektzeitraum intensiv geworben wurde, und das (zumindest kurzfristig) die Attraktivität regionaler Anbieter u. a. durch die Einräumung von Rabatten merklich steigerte. Als innovativ und ehrgeizig hervorgehoben zu werden verdient die in NRW initiierte „Innovationsagentur für Nachhaltiges Wirtschaften“, die sich, von Forschungseinrichtungen und regionalen Unternehmen begleitet, unter dem Titel „nutz-Bar“ vor allem auf den Aufbau einer Datenbank für nachhaltiges Wirtschaften konzentrierte. Zudem setzte sie sich u. a. die „Vermittlung von Produkten zur Mitbenutzung“ und die Kooperation mit Partner aus der Region zum Ziel.

 

Ausführlich berichtet wird zudem von (hoffentlich) folgerelevanten Begleitprojekten. So wird in einem Beitrag über „prozessbegleitendes Monitoring“ u. a. festgestellt, dass sich „Nachbarschaft sich nicht ‚top-down’ organisieren lässt (vom „Scheitern einer Grundidee“ wird in diesem Zusammenhang gesprochen, S. 180).

 

Auch wenn die meisten der hier vorgestellten Initiativen kaum über die Projektphase hinaus Bestand hatten, so ist dies nicht als generelle Kritik gegenüber partizipativen Nachhaltigkeitsstrategien zu lesen. Vielmehr werden Netzwerke u. a. als „innovative Kommunikationskultur der Nachhaltigkeit“ herausgestellt. Wesentlich für den Erfolg des hier propagierten Ansatzes ist – so die übereinstimmende Ansicht er Beitragenden – die Dauerhaftigkeit der Unterstützung (von „oben“ wie „unten“ und der verstärkte Einsatz für Werbung in eigener Sache nach dem Motto: „Tu Gutes und rede darüber“.

 

Gerade weil die im letzten Abschnitt versammelten Befunde „begleitender Arbeitsgruppen“ (etwa zu „Nutzungsstrategien und Arbeit“, zu „Marketing“ und „Wirtschaftswissenschaftlichen Ansätzen“) gegenüber dem hier referierten Forschungsprojekt ambivalent ausfallen, verdient dieser umfassende, faktenreiche Band breites Interesse. Aus den hier versammelten Befunden ist in Sachen Nachhaltigkeit viel zu lernen. W. Sp.

 

Nachhaltiger nutzen. Möglichkeiten und Grenzen neuer Nutzungsstrategien. Hrsg. v. Vera Rabelt … München: oekom-Verl., 2007. 317 S. € 29,90 [D], 30,80 [A], sFr 52,30 ISBN 978-3-86581-024-3