Wenn wir in einer Zeit der radikalen Veränderung Panik, Angst und Rückzug wählen, "dann verzichten wir auf unsere Chance, an der Gestaltung der Zukunft teilzunehmen". May fordert alle auf, den Mut aufzubringen, sich am Aufbau einer neuen Gesellschaft zu beteiligen. Mut ist die Voraussetzung für jeden kreativen Akt. Es gibt für den Autor verschiedene Erscheinungsformen von Mut. Eine davon ist jene, trotz der Verzweiflung voranzukommen und mehr noch, Sein und Werden zu ermöglichen.

Unterschieden wird zwischen physischem Mut (Kultivierung von Sensitivität), moralischem Mut (Wahrnehmung) und sozialem Mut (intime, Beziehungen). Die wichtigste aller Möglichkeiten - und hier kommen wir zum eigentlichen Thema des Buches - ist der kreative Mut, also die Entdeckung neuer Formen und Grundmuster, auf denen eine neue Gesellschaft aufgebaut werden kann. Am Beispiel bekannter Künstler (Picasso) und Literaten (u. a. Shakespeare, Beckett) zeigt May, wie diese uns vor gesellschaftlichen Entwicklungen frühzeitig warnen, gegen die real vorhandenen Götter unserer Gesellschaft, gegen Konformismus und Apathie sowie materiellen Erfolg und ausbeuterische Macht kämpfen. In der intensiven Begegnung des Künstlers mit seiner Welt entsteht im kreativen Prozeß etwas Neues.

Im Gegensatz zur Auffassung, die menschlichen Möglichkeiten seien unbegrenzt, sieht May sehr wohl Grenzen im menschlichen Leben, ja die Kreativität selbst erfordert sie sogar. Es gibt physische (Tod, Krankheit) und metaphysische Grenzen (historischer Zeitpunkt, Ort, Herkunft). Im Wesentlichen entsteht Kreativität aus der Spannung zwischen Spontaneität und Beschränkung. Die eigentliche Quelle des schöpferischen Prozesses entspringt dieser Polarität. Mit Nachdruck wendet sich der Autor gegen den Irrtum einer Psychologie, die Verstand als Gegenpol der Gefühle ansieht und Kreativität mit Neurose in Verbindung bringt. Für ihn ist sie vielmehr eine "göttliche Krankheit" und er betont, daß die kreative Person eben durch ihre schöpferischen Fähigkeiten oft genug vor einer psychotischen Erkrankung bewahrt wird. Gerade gegenwärtig ist die bisherige Kanalisierung der Kreativität auf technische Zielsetzungen abzulösen durch die Möglichkeiten der unbewußten, geistigen Kreativität.

May, Rollo: Der Mut zur Kreativität. Paderborn: Jungfermann, 1987. 136 S. DM 24,80/ sfr 19,70/ öS 193,40