„Governance“, so stellen die Herausgeber zu Beginn dieses Bandes fest, sei in der Sozial- und Politikwissenschaft zum „Zauberwort“ geworden. Die aktuellen Debatten um Chancen und Grenzen von Governance-Arrangements würden sowohl „den Wandel des politisch-administrativen Systems als auch die Konsequenzen der Globalisierung und Deregulierung umreißen“ und in diesem Kontext neue Kooperationsformen ausloten. Dem Prinzip Partizipation wird dabei eine zentrale Rolle zugedacht.

 

Im Mittelpunkt dieses Bandes steht das Bemühen, die bisher getrennt betrachteten Ansätze zu Governance und Bürgerschaftlichem Engagement (BE) gemeinsam in den Blick zu nehmen und zugleich Potenziale für die Weiterentwicklung und Vertiefung der Demokratie auszuloten. In einem ersten Überblick wird dabei auf die Unschärfe des Governance-Begriffs etwa im Hinblick auf die beteiligten Akteure und unterschiedlichen Handlungsebenen ebenso eingegangen wie auf die Zugänge zum Forschungsgegenstand (deskriptiv-analytisch oder normativ).

 

Der erste Abschnitt umfasst drei (meta-)theoretische Beiträge: Brigitte Geißel, Politologin am WZB Berlin, referiert den Stand der Debatte zu „Local Governance“ und „Zivilgesellschaft“ und analysiert Pro- bzw. Kontra-Argumente für die Verbindung der beiden Ansätze. Im folgenden Beitrag setzt sich Jürgen R. Grote zum Ziel, den „relativ abstrakten“ Begriff der „Governance“ durch gehaltvollere Beschreibungen (Local Governance, Local Governance Arrangements) näher zu bestimmen. Er hält die Einführung der „Assoziation“ als viertem Ordnungsmechanismus neben Staat, Markt und Gemeinschaft als sinnvoll. Michael Haus diskutiert zentrale Forschungspositionen zur Differenz von „Government“ und „Governance“ sowie die „Meta-Governance“-Positionen von Bob Jessop und Eva Sørensen. Zusammenfassend konstatiert der Autor „das berechtigte Beharren auf der Nicht-Vereinbarkeit von postfordistischer Regulierung und voll entfalteter Demokratie“ und plädiert für eine „Perspektive der gelungenen ‚Rückbettung’ (Giddens) universal gewordener Institutionen in Praktiken lokalen Handelns“ (S. 89). Facetten von BE als Voraussetzung für und Folge von Local Governance ist der nächste Abschnitt gewidmet. Die Entwicklung vom Ehrenamt zum BE ist Thema von Annette Zimmer. Sie stellt u. a. fest, dass BürgerInnen als Ressourcen von Veränderung sowie als alternative Finanzierungsquelle durchaus ernst genommen werden. Allerdings sei (nicht nur, W. Sp.) in Deutschland noch kein klares Modell bzw. theoretisch und legitimatorisch fundiertes Konzept von BE zu erkennen (vgl. S. 105f.). Ein weiterer Beitrag untersucht die Rolle von Vereinen als Katalysatoren sozialer und politischer Kompetenzen, wobei in Anschluss an die Sozialkapital-Forschung nach Putnam die Bedeutung von Vereinen v. a. in der Bereitstellung von Wissens-Transfer, Netzwerk-Interaktions-Transfer und gemeinwohlorientiertem Transfer ausgemacht wird. Zu einem ähnlichen Befund gelangt auch Wolfgang Vortkamp (vgl. auch ), der die gesellschaftliche Integration und Vertrauensbildung durch Partizipation anhand einer empirischen Untersuchung in Ostdeutschland präsentiert.

 

Wie aber gestaltet sich BE im Kontext von Local Governance konkret? Dieser Frage wird im dritten Kapitel nachgegangen. Margit Mayer etwa untersucht die Rolle von „Drittsektor-Organisationen als neue Partner der Verwaltung in der Restrukturierung lokaler Sozialpolitik“. Sie macht vor allem auf veränderte Rahmenbedingungen für freie Träger (härtere Konkurrenz zwischen etablierten und neuen Anbietern), gesteigerte Effizienzanforderungen („Arbeit um jeden Preis“), ungesicherte (Teilzeit-)Arbeitsverhältnisse und zunehmend schlechtere Förderkonditionen aufmerksam und gelangt zu einer überwiegend düsteren Gesamtsicht.

 

Der „Variationsbreite von Local Governance“ ist schließlich der vierte und letzte Abschnitt auf der Spur. Holtkamp/Bogumil stellen das Konzept der „Bürgerkommune“ im Kontext des Local-Governance-Ansatzes vor. Angestrebt wird dabei die Schaffung von Organisationsstrukturen, „die eine ressort- bzw. politikübergreifende Koordination der Bürgerbeteiligung ermöglichen.“ Detlef Sack widmet sich unter dem Titel „Spiele des Marktes, der Macht und der Kreativität“ dem komplexen Wechselspiel zwischen öffentlich privaten Partnerschaften und lokaler Governance und unterscheidet dabei drei Spielformen: die „New-Public-Management-Erzählung“, die „Anti-Liberalisierungs-Erzählung“ und die „Local-Governance-Erzählung“. Mit einem (überwiegend kritischen) Beitrag zu Public Private Partnership und Local Governance in der Kulturfinanzierung sowie zur Bedeutung „lokaler Bündnisse für die Familie“ als Beitrag zur „Erneuerung eines Politikfeldes vor Ort“ wird dieser in Theorie und Praxis gleichermaßen anspruchsvolle wie facettenreiche Band abgerundet.

 

Es ist wohl kein Zufall, dass der Titel dieser Sammlung mit einem Fragezeichen versehen wurde. Bei aller Euphorie oder zumindest begründeter Wertschätzung gegenüber dem Ansatz der Local Governance bleibt festzuhalten, dass viele Fragen offen sind, wenngleich nicht zu leugnen ist, dass in der Neuorientierung regionaler politischer Praktiken auch Erfolge zu verzeichnen sind.

 

W. Sp.

 

Local Governance – mehr Transparenz und Bürgernähe? Hrsg. v. Lilian Schwalb … Wiesbaden: VS Verl. f. Sozialwiss., 2007. 320 S. (Bürgergesellschaft und Demokratie; 24) € 34,90 [D], 36,- [A], sFr 61,10

 

ISBN 978-531-15467-1