Politische Bildung

 

Sind wir machtlos der Sogwirkung des Unerhaltungssektors ausgeliefert? Oder kann Politische Bildung gegen die Erosion des Demokratischen helfen? Der interdisziplinäre Band „Demokratie-Bewußtsein“ versucht darauf zu antworten, auch wenn die Rolle der Medien als politische „Bildungsinstanz“ darin leider nicht thematisiert wird. Demokratisches Bewusstsein wird bezogen auf das Ziel, „dass die Menschen eine Vorstellung und ein Bewusstsein für die Bedeutung von allgemeinen Spielregeln und institutionellen Verfahrensweisen bei der Willensbildung und verbindlichen Entscheidung in einer komplexen Demokratie entwickeln können (S. 33). Die Beiträge beziehen sich u. a. auf die Verankerung von Kernkonzepten demokratischer Verfassungsstaaten im Bewusstsein der BürgerInnnen wie Gemeinwohl, Repräsentation und Gewaltenteilung, die Bedeutung von Werte-Bildung sowie den Zusammenhang von Partizipation und Demokratiebewusstsein. Aufschlussreich erscheint ein Ansatz aus der Perspektive politischer Psychologie. Hans-Joachim Busch wählt darin den Zugang über den (von A. Giddens geprägten) Begriff der „Lebenspolitik“. Diese geht von „Subjekten“ aus, die in der Lage sind, ihre „Lebenspraxis“ im Zusammenhang mit den „großen gesellschaftlichen Erfordernissen in Zeiten der Globalisierung von Wirtschaft und Politik“ zu sehen. Eine „demokratische Persönlichkeit“ macht der Autor an vier Aspekten (S. 48ff.) fest: Erstens „Konstitutionelle Intoleranz gegenüber dem Krieg und der Schädigung der Umwelt“, was Busch als kulturelle Veredelung der Menschennatur im Sinne eines „psychosomatischen Fortschritts“ bezeichnet. Diese sei nur über eine „konfliktstarke Persönlichkeitsentwicklung“ des Kindes zu erreichen, was in der Familie und später weiteren Sozialisationsinstanzen erfordere, „dass Konflikte ausgetragen, durchsichtig gemacht werden, in einer Haltung der gegenseitigen Anteilnahme, Einfühlung, Achtung und Fairness.“ Zweitens, und das erscheint zunächst paradox, sei die Ausbildung von „Angsttoleranz bzw. Weltangst“ nötig. Auch wenn es (richtigerweise) heiße, Angst sei ein schlechter politischer Ratgeber, sei es genauso falsch, Angst zu ignorieren, und zwar Angst im Sinne von „ernsthafter Sorge“ vor Krieg, Zerstörung oder Verstetigung von Konflikten: „Kinder müssen von früh an erleben können, wie sich Erwachsene ernsthaft Sorgen machen und deshalb etwas verhindern, einer Gefahr begegnen wollen.“ Das dritte Merkmal einer demokratischen Persönlichkeit ist nach Busch am schwierigsten zu erreichen: die „Resistenzfähigkeit gegenüber Massenregressionen und Aufrechterhaltung von Kritikfähigkeit sowie Vorurteilseinsicht“. Als Empfehlung nennt der Autor – was eher im Allgemeinen verbleibt – die Entwicklung eines „durch gelungene Sozialisation gestärkten Ichs“.

 

Empfehlenswert ist auch ein weiterer Sammelband über das „Gelingen und Scheitern Politischer Bildung“, der insgesamt nicht weniger als 46 Beiträge zu den Bereichen „Politische Bildung und Politikverständnis“, „Community Service, Partizipation und Protest“, „Moral und Politik“, „Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“, „Politik und Geschichte“ sowie „Schulisches Lernen und politische Bildung“ enthält. Der Glaube an die Wirksamkeit der Politischen Bildung sei, so die Ausgangsthese der Beiträge, durch die Sorge erschüttert worden, dass die Demokratie vielen Jugendlichen fremd bleibt oder sogar zum Feindbild wird. Der Band bietet „Problemdiagnosen zu misslingenden Lernprozessen“, er informiert aber auch über Beispiele „guter Praxis“ und über Interventions- und Präventionsstudien, die darauf abzielen, Jugendlichen einen leichteren Einstieg in die Welt der Politik zu verschaffen. Ein Kapitel „Medien und politische Bildung“ fehlt leider aber auch hier. H. H.

 

 Demokratiebewusstein. Interdisziplinäre Annäherungen an ein zentrales Thema der Politischen Bildung. Hrsg. v. Dirk Lange ... Wiesbaden: VS Verl. f. Sozialwiss., 2007. 311 S.,

 

€ 32,90 [D], 33,90 [A], sFr 58,70

 

ISBN 978-3-531-15525-8

 

 Vom Gelingen und Scheitern Politischer Bildung. Studien und Entwürfe. Hrsg. v. Horst Biedermann. Zürich (u. a.): Rüegger, 2007. 606 S.,

 

€ 54,40 [D], 56,- [A], sFr 97,10

 

ISBN 978-3-7253-0838-5