image021Die Enzyklika "Laudato si" von Papst Franziskus über die Sorge um das gemeinsame Haus wurde am 24. Mai 2015 veröffentlicht. Auf gerade 170 Seiten, eher groß gedruckt, entfaltet sich, in vordergründig sanfter, freundlicher Rede eine Anleitung, nein, eine Aufforderung zur radikalen Wende. In schlichten, kompromisslosen Formulierungen wird eine radikale (Neu)Positionierung der (katholischen) Kirche, die sich in ökologischen Fragen bislang eher bedeckt hielt und nicht durch überbordendes Engagement oder klare Aussagen auffiel, entworfen. Auch die Handlungsanleitungen, die in weiten Teilen in krassem Widerspruch zu dem stehen, wie wir uns beispielsweise in der europäischen Politik eingerichtet haben, haben es in sich.("Es genügt nicht, die Pflege der Natur mit dem finanziellen Ertrag oder die Bewahrung der Umwelt mit dem Fortschritt in einem Mittelweg zu vereinen. In diesem Zusammenhang sind Mittelwege nur eine kleine Verzögerung des Zusammenbruches." S. 136) Vielfach wurde und wird ja von Katholiken zur "Verteidigung" unseres umwelt- und naturzerstörenden Wirtschafts- und Lebensstils auf die Genesis (Gen 1,28) verwiesen, wo angeblich die "Unterwerfung der Erde" quasi als Auftrag formuliert wird. Hier merkt Franziskus lakonisch an: "Das ist keine korrekte Interpretation der Bibel" (S. 51). Das Verhältnis von Mensch und Umwelt wird im Gegenteil streng nicht-utilitaristisch definiert. Die Schöpfung - und diese wird sehr umfassend interpretiert - hat in jeder ihrer Ausprägungen einen Eigenwert, der Existenzwert steht somit vor dem Gebrauchswert.

Doch noch viel mehr "mutet" der Papst "seinen" Katholiken zu: das Klima beispielsweise wird als "Gemeingut" (S. 22) bezeichnet, das für alle da ist und von allen zu schützen ist. Im Zusammenlesen mit der Tatsache, dass der Papst eindeutig die Aussagen der Klimawissenschaft auch als erkenntnis- und handlungsleitend für die Kirche sieht, ergeben sich damit klare Handlungsmaximen, die geeignet sind, so manchen Staatenlenker und Konzernchef, der sich als christlich bezeichnet, in Argumentationsnotstand zu bringen - wie könnte dann die verstärkte Kohlenutzung beispielsweise in Polen noch (moralisch) gerechtfertigt werden. Der Papst stellt auch klar, dass (noch mehr) Technologie nicht die Lösung bringen kann, allenfalls können Techniken zur Lösung von (Detail)problemen beitragen. Viel wichtiger wäre es, sich vom Wachstumsdenken zu lösen, das Gemeinwohlprinzip als eine wesentliche Basis unserer Wirtschaft anzuerkennen, diese auch darauf auszurichten und die globale Gerechtigkeit nicht nur verbal anzuerkennen, sondern die untragbaren Differenzen zwischen Nord und Süd, zwischen arm und reich auch innerhalb einzelner Gesellschaften abzuschaffen.

Anders als etwa Naomi Klein hat der Papst im fünften Kapitel, übertitelt "Einige Leitlinien für Orientierung und Handlung" ganz klare Vorstellungen, was zu tun wäre. Nicht in dem Sinne, dass er eine Art umfassendes Vademecum für die täglichen Entscheidungen formuliert, sondern in dem Sinne, dass allgemeingültige Handlungsprinzipien benannt und an einzelnen Beispielen exemplifiziert werden - beispielsweise "Das Prinzip des Gemeinwohls" (S. 112) oder "Die generationsübergreifende Gerechtigkeit" (S. 113).

Das sechste und letzte Kapitel - ehe er mit zwei Gebetsvorschlägen schließt - widmet der Papst der "Ökologischen Erziehung und Spiritualität" (S. 143). Dieser Erziehungsbegriff, und das mag manche erschrecken, bezieht sich nicht nur auf die Jugend und nachfolgende Generationen, sondern betrifft in seinen Forderungen uns alle.

Auch wenn in der Enzyklika viel von Liebe und Gerechtigkeit als Voraussetzung für ein gelingendes Leben die Rede ist, geht Franziskus doch mit der Heuchelei der "jagernewennsnichtwehtut"-Klimaschützer hart ins Gericht. Insoweit dürfen sich sicher viele, die sich verbal dem Klimaschutz zugeneigt zeigen, aber dann mit dem Charterflieger in ein All inclusive Ressort abheben, um dort endlich in Ruhe am Strand die neue Enzyklika zu lesen, durchaus angesprochen fühlen.

Und weil der Papst sich ausdrücklich "die gesamte Menschheitsfamilie" anspricht (S. 15), können, dürfen und sollen sich auch Nichtkatholiken von dieser Enzyklika angeregt und betroffen fühlen. Gunter Sperka

 Papst Franziskus: Die Enzyklika "Laudato si". Über die Sorge für das gemeinsame Haus. Hrsg. v. Sekretariat der dt. Bischofskonferenz. Freiburg i. Br.: Herder, 2015. 268 S., € 14,99 [D], 15,40 [A] ; ISBN 978-3-451-35000-9