Franz Alt, Ernst Ulrich von Weizsäcker

Der Planet ist geplündert

Ausgabe: 2022 | 4
Der Planet ist geplündert

Zwei Pioniere der Umweltbewegung haben anlässlich 50 Jahre „Die Grenzen des Wachstums“ gemeinsam ein Buch herausgegeben: Franz Alt und Ernst Ulrich von Weizsäcker. So unterschiedlich ihre Ausdrucksweise und ihr Auftreten ist – Alt sprühend vor Wortwitz und changierend zwischen Fakten, Appellen und Zitaten von Religionsführern, von Weizsäcker bedächtig und analytisch –, das Ziel eint sie, nämlich den Übergang zur Energiewende und Kreislaufwirtschaft sowie der Regeneration der Ökosysteme möglichst rasch zu bewerkstelligen.

Vorbilder und Vorreiter:innen der Energie- und Mobilitätswende

Franz Alt, der den Großteil des Textes beiträgt, zeigt mit enthusiastischem Optimismus einmal mehr auf, welche Vorbilder und Vorreiter:innen der Energie- und Mobilitätswende es bereits gibt. Etwa im Landkreis Rhein-Hunsrück zwischen Mainz, Trier und Koblenz, wo sich heute an die 300 Windräder drehen. Durch Photovoltaik- und Bioabfallenergieanlagen werden 300.000 Menschen mit Ökostrom beliefert. „So wie früher das Land die Städte mit Lebensmitteln versorgt hat, so werden künftig die ländlichen Räume die Großstädter mit Energie versorgen“, ist der neben Hermann Scheer wohl bedeutendste Promotor der Sonnenenergie überzeugt (S. 88). Zudem sei Erneuerbare Energie immer kostengünstiger geworden. Während der Liter Heizöl von 19 Pfenning im Jahr 1970 auf heute 70 Cent gestiegen sei (was mittlerweile noch mehr geworden ist), hätten sich Solar- und Windstrom in der selben Zeit um das Vierzigfache verbilligt. Die Menschen im Hunsrück würden heute von einem „Energieeinkommen“ sprechen. Heftig kritisiert Alt Bill Gates Vorstoß für sogenannte Mininukes, die Atomstrom bedeutend sicherer als die alten AKWs produzieren würden. Dies sei falsch; zudem käme die Technologie teuer und als Antwort auf die Klimakrise viel zu spät.

Erneuerbare Technologien und neue Ansätze der Bioökonomie

Alt setzt auf die weltweite Ausbreitung der Erneuerbaren Technologien sowie auf neue Ansätze der Bioökonomie für eine neue Kreislaufwirtschaft – auch dazu bringt er zahlreiche Beispiele. Der „homo technicus globalis“ (S. 87) könne es schaffen, die Energie- und Rohstoffwende umzusetzen. Doch neben Technologie brauche es auch ein Umdenken hinsichtlich unseres Wohlstandes und die Abkehr von Bereicherungsstreben und Gier. „Der Übergang vom materiellen Wachstumsstaat in eine in sich ruhende Wohlseinsgesellschaft ist die eigentliche Aufgabe unserer Zeit.“ (S. 33) Wie in seinen früheren Büchern setzt Alt auch hier auf Innovationskraft: „Unternehmen, die nicht mit der Zeit gehen, müssen eben mit der Zeit gehen.“ (S. 122) Und er widmet sich weiteren Themen wie der Ernährungs-, Wasser- und Mobilitätswende („Autofahren ist heilbar“, S. 148). Politisch setzt Alt auf eine immer stärker werdende Zivilgesellschaft, ein neues Rechtssystem, das Tieren und der Natur Rechtsstaus verleiht, sowie auf ein Weltparlament, das den gegenwärtigen UN-Sicherheitsrat ablösen müsse.

Ernst Ulrich von Weizsäcker skizziert in Kürze die Entstehung des Club of Rome, die Stärken und Schwächen der Studie „Die Grenzen des Wachstums“ sowie seine frühe Hoffnung auf eine Dematerialisierung des Wirtschaftens („Faktor 4“). Um dem zunächst nicht bedachten Reboundeffekt zu entgehen, habe er in weiteren Berichten an den Club of Rome („Faktor Fünf“) die ursprüngliche Forderung um im Gleichschritt mit den Effizienzgewinnen steigenden Ressourcensteuern ergänzt, ein Ansatz freilich, der bisher nur sehr begrenzt umgesetzt wurde. Einmal mehr plädiert v. Weizsäcker für eine neue Rolle der Staaten. Diese sollten „nicht mehr in erster Linie Rivalen zueinander sein, sondern kooperieren.“ (S. 201) Ein „Kohabitationsministerium“ in jedem Staat sollte die Aufgabe haben, zwischenstaatliche Synergien zu entwickeln. Die aktuelle Bedeutung des Club of Rome, dessen Vizepräsident v. Weizsäcker von 2012 bis 2018 war, schätzt der Ökologe positiv ein; insbesondere werde auch in Kooperation mit der EU-Kommission zu den Bereichen Klima und neue Ökonomie gearbeitet. Notwendig sei ein kosmopolitisches Denken und die globale Kooperation zur Lösung der großen Menschheitsaufgaben.

Ein Buch, das Mut machen möchte

Ein Band, der die Dringlichkeit von Veränderungen einmal mehr darlegt, der aber Mut machen möchte und mit Gewinn gelesen werden kann, wenn man den affirmativen Schreibstil von Franz Alt schätzt.