Diese "Streitschrift gegen Denkfaulheit und Konformismus" des kanadischen Essayisten und Literaten John R. Saul ist eine gleichermaßen vernichtende wie anregende Kritik am System des Kapitalismus und des Marktes. Der Autor porträtiert auf eindrucksvolle Weise unsere süchtige, ideologieabhängige Gesellschaft. Die dazugehörende Organisationsform nennt er ”Korporatismus". die Herrschaft durch Interessengruppen. Den Zustand unserer Zivilisation hält Saul auch insofern für alarmierend, weil uns jede nützliche Rückbesinnung abhanden gekommen ist und die Gesellschaft von einer Art neuer Wirtschaftsmythologie beherrscht wird. Die Voraussetzungen dafür sieht er in der blinden Verehrung des Dienstleistungssektors, der Legitimation finanzieller Spekulationen und der Heiligsprechung der neuen Kommunikationstechniken. Die technokratischen Eliten sowie der Lobbyismus in Wirtschaft und Politik sind seiner Ansicht nach eine Gefahr für jede Demokratie, zumal die Ideologie des Korporatismus davon ausgeht, daß die gewählten Mandatare lediglich Interessenvertreter seien.

"Es ist das Geschäft der Lobbyisten, die Volksvertreter soweit zu korrumpieren, daß sie das Gemeinwohl preisgeben." (S.105) Einige der fatalen Merkmale einer korporatistischen Gesellschaft macht Saul in Leistungskürzungen der öffentlichen Hand, Anti-Staatlichkeits-Kampagnen sowie Dezentralisierung ohne Finanzierungsgarantie für die Regionen und Kommunen aus. Warum also, so Sauls provozierende Frage, folgen wir "heute willfährig und gehorsam einem selbstmörderischen Kurs" und glauben, "die Wirtschaft sei zur Führung befähigt - wo sie doch in der Vergangenheit dauernd versagt hat". (S.133) Er vermutet den Grund dafür in einer Verbindung von ”Technokratischem Management und technokratischen Gedankenhülsen" und sieht den Ausweg aus der fortschreitenden Krise darin, die Art unseres Wirtschaftswachstums neu zu überdenken. Gleichzeitig plädiert er vehement für nachdrückliche öffentliche Einmischung und Teilnahme der Bürger." Der Weg heraus aus den ideologischen Selbsttäuschungen und hin zur Wirklichkeit läßt sich nur dann beschreiten, wenn solcher Anti-Konformismus unsere Qualitäten und Stärken zur vollen Entfaltung bringt und damit eine gespannte Ungewißheit aufrechterhält." (S.209) Wenigen gelingt es wie Saul, auf die Risiken unseres Handelns aufmerksam zu machen und gleichzeitig zum Nonkonformismus zu ermutigen, denn "die Hinnahme geistiger Ungemütlichkeit ist die Aneignung von Bewußtheit".

A. A.


Saul, John R: Der Markt frißt seine Kinder. Wider die Ökonomisierung der Gesellschaft. Frankfurt/M. (u.a.): Campus-Verl., 1997. 219 S.,DM 36,- / sFr 35,- / öS 263