Die Welt und ihre Konfliktlagen sind viel zu komplex, als daß sie durch einseitige Erklärungsmodelle - seien sie ökonomischer, soziologischer, politologischer oder kulturanthropologischer Art - hinreichend beschrieben werden könnten. Dem entsprechend gibt es auch keine einfachen, monokausalen Lösungsansätze. Von niemandem läßt sich diese Einsicht besser lernen als vom Friedens-und Konfliktforscher Johan Galtung; dies macht die vorliegende Sammlung von Aufsätzen, Vorträgen und Studien der letzten Jahre einmal mehr deutlich.

Im ersten Abschnitt beschreibt Galtung die Folgen der Globalisierung als "Westernisierung" („Der Westen tritt mit Englisch als Weltsprache und mit dem materialistischen Individualismus als Weltreligion an." S. 14); er skizziert treffend die neue Schichtung der Weltgesellschaft mit den "Kommunikations-Moguln" und "Managern des Marktes" an der Spitze, gefolgt von den an Bedeutung verlierenden "Kasten" der Politiker und Militärs und den "einfachen" Menschen irgendwo darunter sowie den "Ausgestoßenen" am Ende' der Hierarchie; und er stellt dem sogleich seine Wunschperspektive für eine Weltgesellschaft gegenüber: "eine sanfte Form der globalen Bürgerschaft", die sich auszeichnet durch "einen hohen Grad an lokaler Autonomie, Furchtlosigkeit. Unabhängigkeit und Identität" (S. 20). Eine Perspektive, die der Kapitalismus (allein) bei weitem nicht erfüllen kann, denn, so formuliert der Entwicklungskritiker die gegenwärtige Welt(schief)lage pointiert: "Ein Teil der Welt, wollen wir ihn sehr reich nennen, produziert sehr viel mehr, als er verkaufen kann; ein anderer Teil der Welt, wollen wir ihn sehr arm nennen, konsumiert sehr viel weniger, als er für sein Überleben braucht." (S. 22) Ein Grund dafür, sei "nicht das marktwirtschaftliche System als solches, sondern das marktwirtschaftliche System, das auf Geld beruht." (ebd.) Im anschließenden Abschnitt über die "sozialen Kosten der Modernisierung" beschreibt Galtung den Zusammenhalt von Gesellschaften als Zusammenwirken funtionierender "Alpha-Strukturen" (Institutionen, Staat usw.) mit lebendigen, horizontalen "Beta-Strukturen" (soziale Beziehungen, informelle Netze).Der Konfliktforscher sieht beide in den "postmodernen Gesellschaften" gefährdet und warnt vor einem „Monadensystem“ vieler vereinzelter und atomisierter Egoisten (eine Szenario, das kritischer Beachtung bedarf). Daß die Welt trotz Mickey Mouse und McDonalds noch immer auch durch unterschiedliche Kulturen, Traditionen, Religionen und Kosmologien geprägt wird, macht Galtung in seinen Reflexionen über eine "neue intellektuelle Weltordnung" deutlich, die er sich lieber als Dialog der Differenzen denn als Internationalisierung im Sinne von "einer Geistesart zu sein" (S. 119) vorstellt. Im letzten Abschnitt beschreibt der Autor schließlich am Beispiel des zerfallenden Jugoslawien die Tiefenstrukturen des Nationalismus und skizziert Wege der "Rehabilitation" und nachhaltigen Konflikttransformation in Nachkriegsgesellschaften. Der Gleichzeitigkeit von materiellem Wiederaufbau und der Aufarbeitung von Traumen und Schuld sowie der Förderung der Fähigkeit zur Konfliktbearbeitung mißt er dabei zentrale Bedeutung bei.

H. H.


Eindrucksvoll belegt der analytische Praktiker, der über die von ihm gegründete Organisation ”Trenscend" (Geh weiter) in Konflikten in aller Welt vermittelt, seine Friedenstheorie im soeben erschienenen Band: Johan Galtung: Frieden mit friedlichen Mitteln. Friede und Konflikt, Entwicklung und Kultur. Opladen: Leske + Budtich, 1998. 473 S.


Galtung, Johan: Der Preis der Modernisierung. Struktur und Kultur im Weltsystem. Hrsg. v. W. Graf und D. Kinkelbur. Wien: Promedia. 1997. 215 S., DM 34, - / öS 248,- / sFr 31,50