Czempiel hält die Außen- und Sicherheitspolitik der Staaten des Westens seit langem für hoffnungslos anachronistisch. Weder hätten die westlichen Regierungen auf die fundamental veränderte weltpolitische Lage, die mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums entstanden sei, angemessene Antworten gefunden. Noch hätten sie die einschneidenden sozioökonomischen, technologischen und politischen Veränderungen in ihrer ganzen Tragweite begriffen. Sein jüngstes Buch konzentriert sich auf die Frage, wie eine zeitgemäße Außen- und Sicherheitspolitik beschaffen sein könnte und sollte.

Czempiels Überlegungen nehmen ihren Ausgang von der These, daß Macht heute nicht mehr aus Kanonenrohren, sondern aus Computern kommt. Die marktwirtschaftlich organisierten Demokratien des Westens seien in einem solchen Maße ökonomisch, politisch und militärisch voneinander abhängig geworden, daß sie sich ins eigene Fleisch schnitten, wenn sie gegeneinander militärische Gewalt anwendeten. Auch seien die westlichen Staaten zu einem derart hohen Grad demokratisiert, daß es für ihre Regierungen zu riskant geworden sei, sich gegen den Willen der Gesellschaft auf militärische Abenteuer einzulassen.

Czempiel weist der “internationalisierenden Politik” der Zukunft eine Hauptaufgabe zu: das, was in Westeuropa gelang, nämlich eine dauerhafte Friedensordnung zu errichten, auch im atlantischen Raum und schließlich weltweit zu erreichen. Die Voraussetzungen dafür beurteilt er überraschend optimistisch. So hätten sich in jüngster Zeit etliche Staaten zur parlamentarischen Demokratie und zur Marktwirtschaft bekehrt, die Macht transnationaler Organisationen erweitere sich stetig, die Globalisierung fördere die Bereitschaft zu internationaler Verständigung und seit 1989/90 habe es keine internationalen Kriege mehr gegeben. Zwar sei die militärische Gewalt damit nicht verschwunden. Sie habe sich mittlerweile in das Innere der Gesellschaften zurückgezogen, doch gegen Bürgerkriege könne kluge Politik viel ausrichten (frühzeitige politische lntervention, Beseitigung struktureller Gewalt). Czempiels Fazit: Die Außenpolitik des 21. Jahrhunderts wird sich fundamental von der traditionellen bellizistischen Arkanpolitik unterscheiden.

Czempiels Studie ist unorthodox und zweifellos sehr instruktiv. Ihre Hintergrundannahmen und Schlüsselthemen sind allerdings ebenso anfechtbar wie ihr klassischer systemtheoretischer Erklärungsansatz. Ein bedeutender Beitrag zur Zukunft der internationalen Beziehungen.

F. U.

Czempiel, Ernst-Otto: Kluge Macht. Außenpolitik für das 21. Jahrhundert. München: Beck, 1999. 274 S., DM 48,- / sFr 44,50 / öS 350,-