Charles Pépin

Kleine Philosophie der Begegnung

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Kleine Philosophie der Begegnung

Begegnungen prägen unser Leben. Doch diese sind nicht nur zufällig, auch die eigene Bereitschaft spielt eine Rolle. Wer sich auf das Unvorhersehbare vorbereitet, kann den Zufall zu seinem Verbündeten machen, so Charles Pépin. Der Philosoph zeigt, welche Kraft Begegnung hat, und wie bedeutungsvoll unser Handeln und unsere Verletzlichkeit sind. Er untersucht das Wesen der Begegnung mithilfe verschiedener Denker:innen des 20. Jahrhunderts, darunter Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Sigmund Freud, Martin Buber, Emmanuel Levinas, Jean-Paul Sartre, Simone Weil und Alain Badiou. Die Betrachtung von Begegnungen in Filmen, Romanen oder Gemälden vertiefen seine Gedanken.

Der Autor geht verschiedenen Phänomenen nach, wie dem Empfinden, jemanden, den man soeben erst getroffen hat, schon lange zu kennen; oder der lustvollen Neugier, die eine offenkundige Andersheit zu wecken vermag. Warum fühlen wir uns angezogen von dem, was uns fremd ist? Manch eine Begegnung verleiht Flügel: gemeinsam fühlt man sich zu mehr fähig, oder es öffnet sich ein neues Feld der Möglichkeiten. Weiters untersucht er Bedingungen, die Begegnung ermöglichen: Das Hinausgehen und Aus-sich-Herausgehen, sowie die innere Bereitschaft, die Maske abzulegen. Letztlich gelte es, dem Ungewissen zu vertrauen. Auch virtuelle Kennenlernplattformen können Begegnung ermöglichen: sie öffnen ein Fenster zu Menschen, zu denen es sonst keinen Zugang gäbe. Im letzten Teil erkundet Pépin das rätselhafte Bedürfnis, dem zu begegnen, was nicht wir selbst sind, uns aber dazu verhilft, wir selbst zu werden. Sehr anregend sind hier die unterschiedlichen Lesarten: eine anthropologische, eine existenzialistische, eine religiöse, eine psychoanalytische und eine dialektische. Trotz einiger Widersprüche haben sie eine Sichtweise gemeinsam: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ (S. 193, nach Martin Buber).

Das Buch rührt an die große Frage, wo und wie Begegnung heute stattfindet – ist sie doch nach wie vor unentbehrlich für unsere Existenz. Klappt Begegnung beispielsweise im digitalen Raum? Findet sie noch statt, wo es gilt, sich selbst als perfekt zu inszenieren? Pépin sieht keineswegs das Ende aller Begegnung, vielmehr lädt er ein, die Kraft von Begegnung neu zu entdecken, und zu vertrauen – auf die immer neuen Wege, die sie findet, und die ungeahnten Energien, die echte Begegnung zu wecken vermag.